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Was erklärt die Lesefähigkeit von Kindern: Genetik oder Umwelt?

14. Januar 2010

Was erklärt die Lesefähigkeit von Kindern - Genetik oder Umwelt sEine aktuelle Studie hat den Beitrag von Umwelt und Vererbung beim Lesenlernen analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass beide Einflüsse wichtig sind, aber recht verschiedene Rollen spielen. Ich habe eine Presseerklärung der Universität vom 11. Januar übersetzt, in der die Autoren meinen, bei Schulanfängern müssen die unterschiedlichen Voraussetzungen und Einflüsse im Unterricht gezielt berücksichtigt werden:

Die genetische Veranlagung spielt eine entscheidende Rolle dabei, wie gut Kinder anfangs lesen lernen. Nun zeigt eine neue Untersuchung an Zwillingen zum ersten Mal, dass beim Lesenlernen später Umweltfaktoren immer wichtiger werden. Die Ergebnisse sind ein weiterer Beweis, dass Kinder in den ersten Schuljahren beim Lesen Fortschritte machen können, die über die wichtigen genetischen Faktoren und ihre Einflüsse auf das Lesen hinausgehen, sagt Stephen Petrill, der erste Autor und Leiter der Studie. Petrill ist Professor für Entwicklung des Menschen und Familienwissenschaften an der Ohio State University in den USA.

„Wir müssen genetischen Einflüssen auf das Lesenlernen sicherlich mehr Beachtung schenken. Aber Kinder können unter richtiger Anleitung auch dann große Fortschritte machen, wenn sie bei der Einschulung kaum lesen können”, sagt Petrill.

„Die Ergebnisse zeigen, dass wir uns weiter bemühen müssen, die Entwicklung des Lesens bei Kindern so zu fördern, dass wir sowohl genetische als auch Umwelteinflüsse berücksichtigen.”

Schon frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass die Lesekompetenz von Kindern sowohl von der Genetik als auch von der Umwelt beeinflusst wird. Doch diese Studie zeigt als Erste die relative Bedeutung beider Einflüsse auf die Geschwindigkeit, mit der Kinder Fortschritte beim Lesenlernen machen.

Die Ergebnisse der Studie wurden jetzt online im Journal of Child Psychology and Psychiatry veröffentlicht.

Für ihre Untersuchung wählten die Forscher Zwillinge, bei denen sich der Beitrag der Genetik und Umwelt gut analysieren lässt. Zum Beispiel sind eineiige Zwillinge genetisch identisch. Wenn diese Kinder unterschiedlich gut lesen können, beweist das einen Einfluss der Umwelt auf die Lesekompetenz der Geschwister.

An der Studie nahmen 314 Zwillinge aus dem Western Reserve Reading Project in Ohio teil. Darunter waren 135 eineiige Zwillinge und 179 Zwillingsbrüder.

Die Zwillinge nahmen ab dem Vorschulalter oder der ersten Klasse an der Studie teil. Die Lesekompetenz der Kinder wurde bei ihrer Aufnahme in die Studie und dann jährlich für zwei weitere Jahre zu Hause getestet.

Bei jedem Hausbesuch machten die Zwillinge einen umfangreichen, neunzigminütigen Test für verschiedene Teilaspekte ihrer Lesekompetenz. Dazu gehörten unter anderem das Erkennen von Worten, Buchstaben und den für Leseanfänger besonders schwierigen Phonemen (Laute, die die Bedeutung zweier ähnlich geschriebener Worte verändern, z.B. K und T in Katze und Tatze). Weiter wurde die Geschwindigkeit gemessen, mit der die Kinder eine Reihe von Buchstaben benennen konnten.

Die Forscher verglichen die Testwerte der Zwillinge und werteten dann statistisch aus, wie groß der Anteil an der zunehmenden Lesekompetenz war, den genetische beziehungsweise Umweltfaktoren erklären konnten.

Umweltfaktoren im weiteren Sinne sind alle äußeren Einflüsse auf das Kind – darunter die Fürsorge der Eltern, wie viel ihnen vorgelesen wird, ihre Wohngegend, Ernährung und der Schulunterricht.

Die Ergebnisse zeigten, wenn Kinder anfangen zu lesen, spielen sowohl Gene als auch die Umwelt eine unterschiedlich große Rolle bei der Lesekompetenz, die von dem jeweils untersuchten Teilaspekt des Lesens abhängt. Beim Erkennen von Worten und Buchstaben erklärte die Genetik etwa ein Drittel der Testergebnisse und die Umwelt zwei Drittel. Beim Wortschatz und dem Erkennen von Phonemen waren Genetik und Umwelt etwa gleich wichtig. Für die Lesegeschwindigkeit war zu drei Vierteln die genetische Veranlagung verantwortlich.

„Aber als wir analysierten, wie die Lesekompetenz der Kinder mit der Zeit zunimmt, wurde der Einfluss der Umwelt bedeutend wichtiger als die genetische Veranlagung“, sagt Petrill.

Für Verbesserungen bei Teilaspekten der Lesekompetenz, die im Unterricht erlernt werden (wie das Erkennen von Worten oder Buchstaben), ist fast ausschließlich die Umwelt verantwortlich. Auch das zunehmend bessere Erkennen von Phonemen wird zu achtzig Prozent durch die Umwelt bestimmt. Nur bei der Lesegeschwindigkeit spielen genetische Faktoren weiterhin eine große Rolle.

„Unabhängig davon, welche Fähigkeiten die Kinder zu Beginn des Lesenlernens schon mitbrachten und welchen Einfluss die Genetik und die Umwelt darauf hatten, zeigten unsere Ergebnisse, dass ihre Umwelt beeinflusste, wie schnell oder wie langsam sich die Lesekompetenz der Kinder entwickelte“, sagt Petrill.

Petrill betont, dass die Umwelt eines Kindes viel mehr ist als nur sein Unterricht in der Schule. Dennoch spielt der Unterricht wahrscheinlich eine Schlüsselrolle dabei, wie sich die Lesekompetenz im Laufe der Zeit verbessert.

Petrill sagt, weitere Studien müssten genauer untersuchen, wie Genetik und Umwelt beim Lesenlernen von Kindern zusammenwirken.

„Wir glauben, dass beide Faktoren für das Lesen wichtig sind. Etwas ganz Ähnliches haben Forscher im Gesundheitsbereich gefunden, zum Beispiel bei Herzerkrankungen und starkem Übergewicht”, sagt Petrill. „Aber wir wissen viel mehr über die relative Bedeutung von Genetik und Umwelt für biologische Systeme und ihren Einfluss auf Herzerkrankungen als auf das Lesen.“

Zum Beispiel können Menschen unabhängig von ihrer genetischen Veranlagung Umwelteinflüsse so verändern, dass sie ihr Risiko für Herzkrankheiten senken, sagt er.

Petrill hofft, dass man Kindern genauso helfen kann, besser lesen zu lernen.

„Wenn wir die Ursachen für Unterschiede bei der Lesekompetenz von Kindern verstehen und die Rollen, die Genetik und Umwelt dabei spielen, können wir den Leseunterricht dementsprechend besser gestalten”, sagt er.

Quellen:

Ohio State University, 11. 1. 10

Petrill et al. Journal of Child Psychology and Psychiatry, Jan 2010

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Rubrik: Kinder & Jugendliche
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