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Lassen sich ADHS-Symptome mit Computerprogrammen behandeln?

15. Februar 2011

Lassen sich ADHS-Symptome mit Computerprogrammen behandelnZwei bis fünf Prozent aller Schulkinder leiden unter ADHS. Die Hauptsymptome der Störung sind unnormal starke Unaufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität. Eine aktuelle Studie hat eine neue Software getestet, die das Gedächtnis von Kindern mit ADHS fördert und dabei auch andere Krankheitssymptome verbessert. Wir haben die Presseerklärung der Universität zu der Studie vom Dezember übersetzt, die das Verfahren beschreibt, das sich zur Unterstützung anderer Behandlungsmethoden eigenen könnte:

Ein intensives fünfwöchiges Programm, mit dem das Arbeitsgedächtnis trainiert wird, kann manche Symptome von Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern verbessern. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie, die das vielversprechende Programm testete.

Die Forscher stellten bei Schülern nach Beendigung des Programms deutliche Verbesserungen der Aufmerksamkeit fest, aber auch in Bereichen wie ADHS-Symptomen, Planung, Organisation und Durchführung von Aktivitäten sowie dem Arbeitsgedächtnis.

„Scheinbar haben viele der Kinder mit ADHS von diesem Programm wirklich profitiert”, sagt Steven Beck, einer der Autoren der Studie und außerordentlicher Professor für Psychologie an der Ohio State University in den USA.

„Es wird eine medikamentöse Behandlung nicht ersetzen, könnte aber eine nützliche ergänzende Therapie sein.“

Beck führte die Studie gemeinsam mit Christine Hanson und Synthia Puffenberger durch, zwei Doktorandinnen der Psychologie an der Ohio State University. Die Ergebnisse wurden in der Novemberausgabe 2010 des Journals of Clinical Child & Adolescent Psychology veröffentlicht.

Die Forscher testeten Software, die von der schwedischen Firma Cogmed zusammen mit dem Karolinska Institutet, einer medizinischen Universität in Stockholm, entwickelt wurde.

Die Software soll eine der größten Schwächen von Menschen mit ADHS verbessern – ihr Arbeitsgedächtnis.

Das Arbeitsgedächtnis ermöglicht Menschen Informationen so lange zu präsent zu halten, bis sie ihren Zweck erfüllt haben. Zum Beispiel muss man sich an eine Telefonnummer lange genug erinnern, um sie zu wählen. Schüler müssen sich den zuletzt gelesenen Abschnitt eines Buches merken können, um zu verstehen, was sie dann lesen.

„Das Arbeitsgedächtnis spielt eine entscheidende Rolle im täglichen Leben, und ganz bestimmt für Erfolg in der Schule. Aber es ist eines der Dinge, die Kindern mit ADHS große Schwierigkeiten bereiten“, sagt Hanson.

An der Studie nahmen 52 Schüler im Alter von sieben bis siebzehn Jahren teil, die eine Privatschule in Columbus für Kinder mit Lernschwächen besuchten und eine Diagnose von ADHS hatten. Alle Kinder benutzten die Software zu Hause und unter Anleitung ihrer Eltern und der Forscher.

Die Software besteht aus 25 Übungen, die ein Schüler in fünf bis sechs Wochen vollständig durcharbeiten muss. Jede Übungseinheit ist 30 bis 40 Minuten lang. Die Übungen sind wie ein Computerspiel aufgebaut und sollen das Arbeitsgedächtnis des Schülers verbessern. In einer Übung sagt zum Beispiel ein Roboter Zahlen in einer bestimmten Reihenfolge und der Schüler muss auf dem Computerbildschirm die Zahlen anklicken, die der Roboter gesagt hat, aber in umgekehrter Reihenfolge.

„Am Anfang finden die Kinder es großartig, weil es wie ein Spiel ist“, sagt Puffenberger. „Aber die Software hat einen Algorithmus eingebaut, der die Übungen schwerer macht, je besser die Schüler werden. Deshalb bleibt es für die Kinder immer eine Herausforderung.“

Zunächst nahm nur die Hälfte der Schüler an der Studie teil. Die andere Hälfte kam auf eine Warteliste und absolvierte das Trainingsprogramm mit der Software anschließend.

Die Eltern und Lehrer der Schüler, die an der Studie teilnahmen, füllten Fragebögen aus, mit denen die ADHS-Symptome der Kinder und ihr Arbeitsgedächtnis vor Beginn der Behandlung sowie ein und vier Monate nach ihrem Ende quantifiziert wurden.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Eltern insgesamt der Meinung waren, ihre Kinder sein aufmerksamer geworden und hätten Fortschritte bei der Gesamtzahl der ADHS-Symptome, dem Arbeitsgedächtnis sowie der Planung, Organisation und Durchführung von Aktivitäten gemacht. Diese Veränderungen waren gleich nach Ende der Behandlung und auch vier Monate später noch sichtbar.

Bei einzelnen Messwerten zeigten ein Viertel bis ein Drittel der Kinder klinisch signifikante Verbesserungen – das heißt Fortschritte, die für die Eltern leicht zu erkennen waren.

Auch die Beurteilung der Lehrer deutete auf eine Verbesserung hin, aber die Unterschiede waren nicht groß genug, um in dieser Studie statistisch signifikant zu sein. Das ist nicht überraschend, sagt Beck, denn nur die wenigsten therapeutischen Studien haben jemals signifikante Werte bei Lehrern gefunden.

„Die Lehrer sehen die Kinder nur für ein paar Stunden am Tag und haben mit vielen anderen Kindern gleichzeitig zu tun. Sie sollten Veränderungen nicht so leicht sehen können“, sagt Beck.

Beck sagt, soweit er weiß, ist dies die erste publizierte Studie, die diese Software in den Vereinigten Staaten getestet hat. Eine der Stärken der Studie war, dass sie an einer ganz typischen Gruppe von Kindern mit ADHS durchgeführt wurde – andere Studien in Schweden hatten Kinder ausgeschlossen, die Medikamente nahmen.

„Die meisten Kinder mit ADHS nehmen irgendwelche Medikamente, und deshalb ist es gut zu wissen, wie diese Behandlung in diesen Fällen wirkt“, sagt er.

In dieser Studie nahmen 60 Prozent der Schüler Medikamente. Die Ergebnisse zeigten, dass das Programm gleich effektiv war, ob die Kinder Medikamente nahmen oder nicht.

„Medikamente gegen ADHS verbessern das Arbeitsgedächtnis nicht direkt. Aber das Trainingsprogramm verbessert es, und das kann nützlich sein“, sagt Beck.

„Ein ermutigendes Ergebnis der Studie war, dass durch das Programm nach Meinung der Eltern auch die ADHS-Symptome verbessert wurden, und das war kein Schwerpunkt der Untersuchung. Dieses Programm soll vor allem das Arbeitsgedächtnis verbessern.“

Beck sagt, sie sind sich nicht sicher, wie das Programm Kindern mit ADHS hilft. Aber scheinbar lernen die Kinder sich zu konzentrieren und ihr Arbeitsgedächtnis bei Dingen des täglichen Lebens einzusetzen, und dieses Wissen können sie in der Schule und zu Hause nutzen.

Man könnte kritisieren, dass sich die Studie auf die Einschätzung der Eltern verlässt, und die Sicht der Eltern könnte verzerrt sein.

„Das stimmt, aber die Eltern sind auch diejenigen, die ihre Kinder tagaus, tagein beobachten und am ehesten irgendwelche Veränderungen feststellen können“, sagt Beck.

Die Forscher planen, ihre Studie auszuweiten und objektivere Methoden zu benutzen, um die Fortschritte der Kinder durch das Programm zu messen.

Quellen:

Ohio State University, 9.12.10

Beck et al. Journal of Clinical Child & Adolescent Psychology, Nov 2010

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Rubrik: ADHS, Kinder & Jugendliche
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