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Kann die Behandlung von Depressionen mit Antidepressiva zu Persönlichkeitsveränderungen führen?

10. Dezember 2009

In der Persönlichkeitspsychologie werden fünf übergeordnete Typen von Persönlichkeitseigenschaften unterschieden. Eine neue Untersuchung hat nun gezeigt, dass zwei davon, die bei Patienten mit Depression gehäuft stärker beziehungsweise schwächer ausgeprägt sind, durch ein Antidepressivum verändert werden können. Laut Pressemitteilung des Fachjournals, die ich übersetzt habe, lassen die Ergebnisse darauf schließen, dass Antidepressiva vielleicht anders wirken als bisher angenommen wurde:

Die Persönlichkeit von Menschen, die Medikamente zur Behandlung von Depression einnehmen, kann sich verändern, und dieser Persönlichkeitswandel ist unabhängig von einer Besserung der Depressionssymptome. Das zeigt eine aktuelle Studie, die in der Dezemberausgabe der Archives of General Psychiatry aus der Reihe der JAMA/Archives-Journale erscheint.

Einleitend schreiben die Autoren, dass das Risiko für die Entwicklung einer Depression in Zusammenhang mit zwei Persönlichkeitseigenschaften gebracht wurde, dem Neurotizismus und der Extraversion. Neurotische Menschen neigen zu negativen Emotionen und emotionaler Instabilität. Kennzeichnend für Extraversion ist nicht nur ein sozial aus sich herausgehendes Verhalten, sondern auch Dominanz und eine Neigung zu positiven Emotionen. Diese beiden Persönlichkeitseigenschaften sind in Verbindung mit dem Serotonin-System von Botenstoffen im Gehirn gebracht worden, auf das eine Klasse von Antidepressiva wirkt, die SSRIs (selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer).

Dr. Tony Z. Tang von der Northwestern University bei Chicago und seine Mitarbeiter untersuchten die Wirkungen von Paroxetin, einem SSRI, in einer klinischen Studie an 240 erwachsenen Patienten mit Depression. Die Studienteilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip in vier Gruppen eingeteilt. Dann erhielten 120 Patienten Paroxetin, 60 hatten kognitive Verhaltenstherapie und 60 nahmen ein Placebo ein. Ihre Persönlichkeitseigenschaften und Depressionssymptome wurden zu Beginn, während und am Ende der Studie (nach 12 Monaten) getestet und ausgewertet.

Die Depressionssymptome verbesserten sich bei allen Studienteilnehmern. Aber selbst nach Berücksichtigung der verbesserten Depression nahm bei Patienten mit Paroxetin der Neurotizismus sehr viel stärker ab und die Extraversion zu als bei Patienten, die kognitive Verhaltenstherapie oder Placebo erhielten. “Patienten, die mit Paroxetin behandelt wurden, zeigten veränderte Persönlichkeitseigenschaften. Diese Veränderungen waren bei Neurotizismus 6,8-mal und bei Extraversion 3,5-mal so stark war wie bei Patienten, die Placebo erhielten und eine ähnlich starke Verbesserung ihrer Depression hatten.”

Nach Meinung der Autoren widersprechen diese Ergebnisse der „State Effect”-Hypothese, nach der sämtliche Persönlichkeitsveränderungen während einer Depressionsbehandlung mit SSRIs lediglich die Folge der verbesserten Depressionssymptome sind. Aber es könnte auch andere Erklärungen geben. „Eine Möglichkeit besteht darin, dass die biochemischen Eigenschaften von SSRIs eine reale Persönlichkeitsveränderung direkt verursachen“, schreiben sie. „Außerdem ist Neurotizismus ein wichtiger Risikofaktor, der viele Aspekte der genetischen Veranlagung für Depression einschließt. Daher könnte eine Veränderung des Neurotizismus (und der neurobiologischen Faktoren, die ihm zugrunde liegen) zur Verbesserung der Depression beigetragen haben.“

Der Gebrauch von SSRIs zur Depressionsbehandlung ist weitverbreitet, aber ihr Mechanismus ist nur begrenzt verstanden, meinen die Autoren. Klinische Untersuchungen haben gezeigt, dass SSRIs auch bei der Therapie von Angst- und Essstörungen wirksam sind. Für diese Erkrankungen können ein starker Neurotizismus und eine schwache Extraversion ebenfalls ein erhöhtes Risiko darstellen. „Wenn wir untersuchen, wie sich SSRIs auf Neurotizismus und Extraversion auswirken, könnte das zu einem besseren Verständnis der SSRI-Mechanismen führen“, schließen die Autoren.

Quellen:

JAMA & Archives, 7.12.09

Tang et al. Arch Gen Psychiatry, Dezember 2009

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Rubrik: Depression
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