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Helfen Antidepressiva nur bei schweren Depressionen?

9. Januar 2010

Eine aktuelle Studie hat die Wirksamkeit von Medikamenten für die Behandlung von Depression untersucht und gezeigt, dass ein Nutzen der häufig verwendeten Antidepressiva nur in schweren Fällen nachgewiesen ist. Ich habe einen Artikel der New York Times vom 5. Januar übersetzt, in dem die Autoren der Studie meinen, eine nicht-medikamentöse Therapie kann für das Gros der Patienten mit weniger schweren Depressionen genauso effektiv sein:

Manche Medikamente, die oft bei Depression verschrieben werden, helfen in besonders schweren Fällen, aber bei den meisten Patienten wirken sie nicht besser als Placebos. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Untersuchung, die jetzt veröffentlicht wurde.

Die Ergebnisse könnten dazu beitragen, eine langjährige Debatte über Antidepressiva beizulegen. Obwohl die Studie nicht bedeutet, dass die Medikamente für Menschen mit mittleren bis schweren Depressionen wertlos sind – denn vielen dieser Patienten scheinen sie zu helfen – erklärt sie wahrscheinlich den heftigen Gelehrtenstreit über die Wirksamkeit dieser Medikamente für Depressionspatienten insgesamt.

In der Vergangenheit haben Studien ein insgesamt verwirrendes Bild geboten. Einerseits haben von der Industrie finanzierte Untersuchungen im Allgemeinen festgestellt, dass die Medikamente die Symptome erheblich verbessern. Andererseits zeigten viele Studien, die zunächst nicht veröffentlicht oder ganz totgeschwiegen wurden, keinen deutlich größeren Nutzen als Placebos.

Die neue Studie, die jetzt im Journal of the American Medical Association (JAMA) erscheint, wertet die Daten früherer klinischer Untersuchungen über zwei Arten dieser Medikamente erneut aus und kommt zu dem Schluss, dass ihre Wirksamkeit variabel ist und davon abhängt, wie schwer die damit behandelten Depressionen sind.

Ein ähnliches Muster hatten vorher schon andere Studien festgestellt. Aber die neue Untersuchung wertete zum ersten Mal den Erfolg der Behandlung bei Hunderten von Menschen aus, die eher gemäßigte Symptome hatten, so wie die meisten Hilfesuchenden.

„Ich glaube, die Studie könnte die Begeisterung für Antidepressiva etwas bremsen, und das könnte sein Gutes haben”, sagt Dr. Erick H. Turner, ein Psychiater an der Oregon Health and Science University in den USA. „Die Erwartungen von Menschen an diese Medikamente werden nicht mehr so hoch sein, und Ärzte werden nicht mehr überrascht sein, wenn sie nicht jeden Patienten mit Medikamenten heilen können.“

Doch Dr. Turner fügt hinzu: „Die Ergebnisse sollten die Erwartungen aber nicht so sehr dämpfen, dass Leute sich weigern, Medikamente überhaupt erst einmal zu versuchen.“

Ein Team von Forschern, darunter Psychologen, die Gesprächstherapie bevorzugen, und Ärzte mit guten Verbindungen zu Medikamentenherstellern, führten diese neue Analyse durch, die von der Regierung finanziert wurde. Sie werteten sechs große Medikamentenstudien an insgesamt 728 Männern und Frauen aus, von denen etwa die Hälfte unter schweren Depressionen litt und die andere eher gemäßigte Symptome hatte.

Drei der Studien untersuchten Paxil von GlaxoSmithKline (ein sogenannter SSRI oder selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) und die anderen drei Imipramin, ein älteres generisches Medikament aus der Gruppe der „trizyklischen” Antidepressiva. Das Team unter Leitung von Jay C. Fournier und Robert J. DeRubeis von der University of Pennsylvania in den USA stellte fest, dass die Medikamente die Symptome bei Patienten mit schwerer Depression deutlich besser linderten als Placebos. Für diese Untersuchung war „schwer” als ein Wert von 25 oder höher auf einer Standardskala für den Schweregrad von Depression definiert. Ein Viertel der Patienten hatte solch einen hohen Wert. Dagegen hatten Patienten mit einem Wert unter 25 nur einen geringen oder gar keinen zusätzlichen Nutzen von der Medikamentenbehandlung.

„Wir konnten zum ersten Mal die Wirksamkeit für den gesamten mittleren Bereich mit einem Schweregrad von 14 bis 20 auf der Skala abschätzen, bei dem ein Arzt zweifellos darüber nachdenken würde, ob er ein Medikament verschreiben sollte oder nicht“, sagt Dr. DeRubeis.

Fachleute meinen, dass die Wirksamkeit anderer häufig verschriebener Medikamente aus der Klasse der SSRI wie Lexapro und Prozac wahrscheinlich nicht viel anders als Paxil ist.

Dr. DeRubeis und andere sagen, wenn Antidepressiva bei gemäßigten Symptomen nicht besser als Placebos sind, liegt das teilweise auch daran, dass Patienten in solchen Medikamentenstudien für längere Zeit von den besten Ärzten betreut werden – was schon allein zur Verbesserung der Symptome beitragen kann, ob mit oder ohne Medikamentenbehandlung. Außerdem können bei manchen Leuten die Nebenwirkungen der Medikamente genauso groß sein wie jeder Nutzen.

Dr. DeRubeis rät Patienten mit leichten bis mittleren Depressionen: „Also, Medikamente kann man natürlich immer ausprobieren. Aber es gibt kaum einen Beweis, dass sie besser als jeder andere Versuch sind, um mit einer Depression fertig zu werden – sei es Sport treiben, zum Arzt gehen, über die Störung nachlesen oder eine Psychotherapie machen.“

Quellen:

New York Times, 5.1.10

Fournier et al. JAMA, Jan 2010

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Rubrik: Depression
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