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Ist Paartherapie bei völlig verzweifelten Ehepaaren überhaupt noch sinnvoll?

5. Mai 2010

Ist Paartherapie bei völlig verzweifelten Ehepaaren überhaupt noch sinnvollAngesichts der Scheidungsraten ist der Bedarf für effektive Methoden der Paartherapie kaum zu bezweifeln. Aber ab wann lohnt sich der Aufwand nicht mehr? Eine aktuelle Studie zeigt, es lohnt sich so lange, wie beide Partner es wirklich wollen. Wir haben die Pressemitteilung der Universität vom April übersetzt. Der etwas längere Artikel bietet einen guten Überblick und macht auf eine neue Entwicklung aufmerksam, die Online-Therapie für Paare:

Die bisher größte und umfangreichste klinische Untersuchung zur Wirksamkeit von Paartherapie hat gezeigt, dass sie sogar völlig verzweifelten Ehepaaren helfen kann, wenn beide Partner ihre Ehe verbessern wollen. Die Studie schloss die längste und umfangreichste Nachuntersuchung zur Langzeitwirkung von Paartherapie ein, die je gemacht wurde. „Ein Ehe kann Einer beenden. Aber funktionieren kann sie nur zu zweit“, sagt Andrew Christensen, ein Professor für Psychologie an der University of California at Los Angeles (UCLA) und erster Autor der Studie. Die Ergebnisse der Untersuchung erscheinen in der Aprilausgabe des Journals of Consulting and Clinical Psychology, das von der American Psychological Association herausgegeben wird.

An der Studie nahmen 134 Ehepaare teil, 71 in Los Angeles und 63 in Seattle in den USA. Die meisten waren in ihren Dreißigern und Vierzigern, und etwas mehr als die Hälfte hatte Kinder. Alle Paare hatten „chronische und schwerwiegende Eheprobleme“ und häufig Streit. Aber sie hofften, ihre Ehe zu verbessern.

„Wir wollten keine Paare, deren Ehe ohne Hilfe von außen besser würde“, sagt Christensen. „Wir wollten Paare, die über einen längeren Zeitraum unglücklich waren. Wir schlossen fast hundert Paare von der Studie aus, die eine Paartherapie wollten, aber nicht unsere Kriterien von lang anhaltenden und schwerwiegenden Eheproblemen erfüllten.“

Die Paare hatten bis zu sechsundzwanzig Therapiesitzungen in einem Jahr. Nach Ende der Therapie trafen sich die Psychologen mit den Paaren fünf Jahre lang etwa alle sechs Monate zur Nachsorge.

Die Paare nahmen alle an einer von zwei Arten der Paartherapie teil. Bei der Ersten, der traditionellen Verhaltenstherapie, liegt der Schwerpunkt darauf, positive Veränderungen zu erreichen. Dazu gehört zu lernen, wie man besser miteinander kommuniziert, besonders über Probleme, und wie man besser auf Lösungen hinarbeitet. Die Zweite, die integrative Verhaltenstherapie, wendet ähnliche Strategien an, konzentriert sich aber mehr auf die emotionalen Reaktionen und nicht nur auf das Verhalten, das zu den emotionalen Reaktionen führte. Bei diesem Therapieansatz arbeiten Paare daran, die emotionalen Sensibilitäten des Partners besser zu verstehen.

Christensen verwendet die integrative Therapie, die zweite Methode, und beschreibt sie in seinem 2000 erschienenen Buch „Reconcilable Differences“ („Vereinbare Gegensätze“, Guilford Press; nur auf Englisch erhältlich). Die Paare, die an dieser Form der Therapie teilnahmen, lasen das Buch als Teil ihrer Behandlung. Die Paare in der Gruppe mit traditioneller Verhaltenstherapie lasen stattdessen ein anderes Selbsthilfebuch.

Nach Ende der Therapiesitzungen waren bei etwa zwei Drittel aller Paare deutliche klinische Verbesserungen zu erkennen.

„Bei einer Patientenpopulation, wie dieser, ist das ein gutes Ergebnis“, sagt Christensen, der seit mehr als dreißig Jahren Paartherapien durchführt und andere Paartherapeuten ausbildet und betreut.

„Wenn es Paaren nach sechsundzwanzig Sitzungen nicht besser geht, ist das ein schlechtes Zeichen“, sagt er. „Das ist nicht Psychoanalyse.“

In den ersten zwei Jahren der Nachsorge war die integrative Therapie als Methode deutlich effektiver als die traditionelle Therapie. Der Unterschied zwischen beiden Behandlungen war allerdings nicht dramatisch und verschwand mit der Zeit.

Verglichen mit ihrer Zufriedenheit zu Beginn der Therapie war fünf Jahre nach ihrem Ende bei etwa der Hälfte der Paare die Zufriedenheit mit der Ehe deutlich gestiegen. Etwa ein Viertel waren getrennt oder geschieden, und bei etwa einem Viertel hatte sich nichts geändert.

Nach fünf Jahren waren etwa ein Drittel der Ehepaare „normale, glückliche Paare“, sagt Christensen, der mit dem Erfolg ganz zufrieden ist, angesichts der schweren, anhaltenden Probleme der Paare zu Beginn der Therapie.

Bei weiteren sechzehn Prozent war die Ehe erheblich besser und erträglich, wenn auch nicht sehr glücklich, geworden.

„Diesen Paaren ging es sichtbar besser, und ihre Ehen könnten Bestand haben“, sagt Christensen.

„Paare, das wissen wir aus vielen Studien, können von Paartherapie profitieren, obwohl sie sicherlich nicht allen Paaren hilft“, sagt er. „Außerdem wissen wir, dass Paare schwerwiegende Eheprobleme meistens nicht alleine lösen können.“

Damit eine Therapie Erfolg haben kann, müssen beide Partner aufrichtig bemüht sein, ihre Ehe zu retten. Beide müssen bereit sein, ihren Beitrag zur Arbeit an der Beziehung zu leisten, und dürfen nicht einfach dem anderen die Schuld geben, sagt Christensen. Daran, wie ein Paar am Ende der Therapie zurechtkommt, kann man gut absehen, wie es ihm fünf Jahre später gehen wird.

Viele Paare, die sich trennen und scheiden lassen, gehen entweder gar nicht zur Therapie oder viel zu spät, wenn ein Partner bereits beschlossen hat, sich zu trennen oder scheiden zu lassen. Es ist besser für Paare, eine Therapie schon zu beginnen, wenn sie sich „in negativen Denkmustern festfahren, aus denen sie nicht mehr von alleine herauskommen können“, sagt er.

Christensen ist seit über fünfundzwanzig Jahren verheiratet. Ist seine Arbeit eine Hilfe für seine eigene Ehe?

„Ich finde es wichtig, dass ich mich bei meiner eigenen Frau bemühe, nicht den Eheexperten zu spielen“, sagt er. „Wahrscheinlich bin ich eher bereit, ihren Standpunkt zu sehen, weil ich Paartherapeut bin.“

Online-Therapie

Christensen und Brian Doss, ein Assistant Professor für Psychologie an der University of Miami, haben Geldmittel vom National Institute of Child Health and Human Development, um fünf Jahre lang ein Online-Trainingsprogramm für Paare zu entwickeln und seine Wirksamkeit auszuwerten. Das Programm basiert auf den Prinzipien der integrativen Verhaltenstherapie für Paare.

Paare, die sich dafür interessieren, an dieser neuen Studie über Online-Therapie teilzunehmen, können sich bei www.OurRelationship.com anmelden.

„Eine Therapie ist so teuer und so zeitaufwändig“, sagt Christensen. „Paartherapie wird immer ihren Platz haben. Aber es wäre ideal, wenn wir in Zukunft auch ein effektives Online-Programm hätten, das vielen Paaren helfen kann und wenig oder gar nichts kostet.“

„Unser Ziel ist, Behandlungen für Paare für die Allgemeinheit leichter zugänglich, kostengünstig und weniger zeitaufwändig zu machen. Ich möchte gerne viel mehr Paare erreichen. Ich würde mir wünschen, dass Paare nicht jede Woche zu einem Therapeuten in die Praxis gehen müssen, sondern sich ihren eigenen Computer zunutze machen können. Das wird nicht jedem Paar helfen, aber wir glauben, dass eine Online-Behandlung sehr vielen Paaren helfen kann. Auf lange Sicht hoffe ich, dass diese Online-Methode einmal jedem zur Verfügung stehen wird.“

Die Mitautoren der Studie im Journal of Consulting and Clinical Psychology sind Brian Baucom, der an der UCLA in Psychologie promoviert hat und nun Dozent an der University of Southern California ist, sowie David Atkins und Jean Yi, die an der University of Washington in Psychologie promoviert haben. Atkins ist jetzt Research Associate Professor und Yi wissenschaftlicher Mitarbeiter an der University of Washington School of Medicine.

Das Journal of Consulting and Clinical Psychology ist das führende Journal der Psychologie für Therapiestudien, darunter die Behandlung von Depressionen, Angststörungen und Paartherapie.

In „Reconcilable Differences“ weist Christensen darauf hin, dass sich Menschen in der Ehe wahrscheinlich nicht grundsätzlich ändern, wie sehr es ihr Partner auch von ihnen verlangt.

„Menschen können ihr Wesen im Grunde nicht verändern, selbst wenn sie es versuchen, und es hat keinen Zweck zu verlangen, dass sie es tun“, sagte er, als das Buch erschien. „Wenn Sie jemanden lieben und heiraten, müssen Sie das Wesen des anderen Menschen akzeptieren. Sie müssen akzeptieren, wer er oder sie ist. Sie können einen Menschen drängen, sich außen zu verändern, aber nicht im Innern. Die Ehe ist eine Art Pauschalangebot. Sie haben kein Vetorecht über einzelne Aspekte der Persönlichkeit Ihres Partners, wo Sie die Eigenschaften nicht nehmen müssen, die sie nicht mögen.“

Alle Paare haben Konflikte, sagt er. Sein Buch hilft Paaren zu lernen, wie sie sich nach einem Ehestreit schneller wieder erholen, weniger streiten und den Ärger und die Verbitterung minimieren, die oft mit Streit einhergehen. Christensen schrieb das Buch zusammen mit Neil S. Jacobson, der bis zu seinem Tod 1999 Professor für Psychologie an der University of Washington war.

„Die Verbrechen des Herzens sind meist kleinere Vergehen, selbst wenn sie manchmal wie Kapitalverbrechen erscheinen“, sagt Christensen.

Paare streiten sich über alles Mögliche, aber am häufigsten sind „alltägliche Kränkungen, Unaufmerksamkeiten und Respektlosigkeiten, die zur Routine werden, die uns verletzen und uns ärgern“, sagt er. Zum Beispiel kann ein Mann wenig Interesse zeigen, wenn seine Frau von ihrem Tag erzählt.

„Die meisten Veränderungen, die wir uns in unseren Beziehungen wünschen, sind graduelle Veränderungen des Verhaltens im Alltag“, sagt Christensen. „Mach mehr im Haus mit, kümmre Dich mehr um die Kinder, kritisiere nicht so viel, hör besser zu, wenn ich mit Dir rede, sei ehrgeiziger auf der Arbeit, investiere mehr in unsere Beziehung.“

Viele Paare tragen ihre Konflikte so aus, dass alles nur noch schlimmer wird, mit Vorhaltungen, Beschuldigungen, Zwang, Abwehr, Vermeidung und Verleugnung, schreiben Christensen und Jacobson.

Das Ergebnis ist, „wir werden verletzt, verärgert, defensiv und frustriert – und unsere Konflikte nähren sich selbst, sie werden ein Dauerzustand“, sagt Christensen.

Oft hat in Ehekonflikten „jedes Ding drei Seiten“ – ihre Seite, seine und die eines Außenstehenden, der oft in beiden Versionen die halbe Wahrheit erkennen wird.

In jeder Partnerschaft gibt es von Anfang an Differenzen mit dem Potenzial, der Beziehung zu schaden, schreiben Christensen und Jacobson. Sie meinen, am besten geht man damit um, indem man seinen Partner akzeptiert und nicht versucht, ihn oder sie zu verändern. Oder mit den Worten eines von Christensens Kollegen, „Eine gute Wahl treffen und dann immer daran arbeiten.“

Quellen:

UCLA Newsroom, 19.4.10

Christensen et al. Journal of Consulting and Clinical Psychology, April 2010

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Rubrik: Online-Therapie, Partnerschaft & Paartherapie, Verhaltenstherapie
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1 Kommentieren

  1. Tobias Ruland
    Dezember 18th, 2012

    Ist es realistisch zu denken, dass zwei Partner, die nicht vernünftig miteinander umgehen können, über ein Online-Trainingsprogramm wieder zusammenfinden?
    Oder anders gefragt: Inwieweit kann E-Learning den Differenzierungsprozess weiterbringen?
    Ich fürchte, dem Online-Programm würde es an der notwendigen Konfliktfähigkeit mangeln, die manchmal notwendig ist, um aus dem Konflikt heraus neue Strategien zu entwickeln.

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