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Hat Magersucht genetische Ursachen?

11. Dezember 2010

Hat Magersucht genetische UrsachenUntersuchungen an Zwillingen haben gezeigt, dass bei Magersucht die genetische Veranlagung eine wichtigere Rolle spielen könnte als die Umwelt. Aber der Zusammenhang scheint komplex und „das“ Gen für Magersucht gibt es nicht. Eine aktuelle Studie hat das genetische Make-up von Patienten untersucht und eine Bestandsaufnahme der Vielzahl beteiligter Gene gemacht. Wir haben die Presseerklärung der Forscher zu ihrer Studie vom November übersetzt, die einen der Gründe verdeutlicht, warum Magersucht so schwierig zu behandeln ist:

Wissenschaftler am Children’s Hospital of Philadelphia in den USA haben häufige und seltene Genvarianten identifiziert, die mit der Essstörung Anorexia nervosa (Magersucht) assoziiert sind. Die bisher umfassendste genetische Studie dieser psychiatrischen Erkrankung bietet Forschern einen ersten faszinierenden Einblick in die Genetik der Magersucht, die sie nun eingehender untersuchen. Manche der Gene sind aktiv an der Übertragung von Nervensignalen und der Bildung von Verknüpfungen zwischen Gehirnzellen beteiligt.

Schätzungen zufolge leiden 0,9 Prozent aller Frauen in den USA unter Anorexia nervosa (AN). Die Patienten verweigern das Essen und nehmen stark ab. Sie haben irrationale Ängste vor dem Zunehmen, sogar wenn sie schon ganz ausgemergelt sind, und ein verzerrtes Selbstbild ihres Körpers und ihrer Figur.

Frauen sind zehnmal häufiger betroffen als Männer, und die Erkrankung beginnt fast immer im Jugendalter. Die Sterblichkeitsrate von Patienten mit AN ist höher als bei allen anderen psychiatrischen Erkrankungen, und eine erfolgreiche Behandlung ist schwierig.

Untersuchungen an Zwillingen und Familien haben gezeigt, dass AN eine stark erbliche Komponente hat. „Aber trotz verschiedener genetischer Studien, die ein paar wenige Kandidaten für Gene identifiziert haben, die mit AN assoziiert sind, ist die genetische Architektur, die einem erhöhten Risiko für AN zugrunde liegt, noch weitgehend unbekannt“, sagt der Leiter der Studie Dr. Hakon Hakonarson, Direktor des Zentrums für angewandte Genomforschung am Children’s Hospital of Philadelphia. Die Studie wurde am 16. November online in Molecular Psychiatry publiziert.

„Dies ist die erste genomweite Assoziationsstudie an einer großen Kohorte von Patienten mit Magersucht und die erste Studie über Kopiezahlvarianten bei dieser Erkrankung“, sagt Hakonarson. Genomweite Assoziationsstudien (GWAS) suchen nach Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNPs), häufig vorkommende genetische Varianten, die oft erste Hinweise auf eine Genregion geben, die einen gewissen aber geringen Einfluss auf das Risiko für eine Erkrankung hat. Parallel dazu suchte das Forscherteam auch nach genetischen Kopiezahlvarianten (CNVs), die seltener sind und meistens einen stärkeren Einfluss auf das Krankheitsrisiko haben.

Die Forscher untersuchten die bislang größte Anzahl von Patienten mit Magersucht in einer genetischen Studie. Dazu analysierten sie DNA von insgesamt 1 003 Patienten, bis auf vierundzwanzig alle weiblich. Die DNA-Proben stammten aus verschiedenen Quellen und von Patienten mit einem durchschnittlichen Alter von siebenundzwanzig Jahren. Als Vergleichskontrolle diente eine Gruppe von 3 733 Kindern und Jugendlichen (Durchschnittsalter dreizehn Jahre), die beim pädiatrischen Forschungsnetzwerk des Children’s Hospital registriert waren.

„Unsere Ergebnisse bestätigten frühere Studien über Magersucht: SNPs im OPRD1-Gen und in der Nähe des HTR1D-Gens erhöhen das Krankheitsrisiko“, sagt Hakonarson. „Wir fanden keine weiteren offensichtlichen Genkandidaten, haben jetzt aber eine Liste von anderen Genen, die wir in weiteren Studien genauer untersuchen.“ Ein SNP liegt zwischen den CHD10- und CHD9-Genen, in einer Region, deren Assoziation mit psychischen Störungen des Autismusspektrums Hakonarson bereits 2009 gezeigt hat. Die CHD10- und CHD9-Gene kodieren für Cadherinproteine, die die Adhäsion zwischen Nervenzellen und ihre Kommunikation im Gehirn beeinflussen.

Außerdem untersuchten die Forscher in dieser AN-Studie CNVs, das heißt DNA-Sequenzen, die im Genom fehlen oder aber vervielfältigt sind. Frühere Untersuchungen von Hakonarson und anderen haben gezeigt, dass CNVs eine wichtige Rolle bei anderen neuropsychiatrischen Erkrankungen wie Schizophrenie, bipolarer Störung und Autismus spielen.

Die aktuelle Studie zeigt, dass CNVs bei Magersucht keine vergleichbar wichtige Rolle spielen wie bei Schizophrenie und Autismus. Trotzdem konnten die Forscher mehrere seltene CNVs identifizieren, die nur bei AN-Patienten auftraten, wie eine Region auf Chromosom 13, in der bestimmte DNA-Sequenzen fehlen.

„Unsere Studie zeigt, dass sowohl häufige SNPs als auch seltene CNVs zur Entwicklung einer Magersucht beitragen“, sagt Hakonarson. „Die Genvarianten, die wir entdeckt haben, verdienen es, in unabhängigen Kohorten von Patienten weiter untersucht zu werden. Aber die relativ bescheidene Anzahl von AN-Fällen, die sich durch diese Ergebnisse erklären lassen, deutet darauf hin, dass es viele andere noch unbekannte Genkandidaten gibt. Zukünftige Studien mit einer sehr viel größeren Anzahl von Proben werden nötig sein, um weitere Genvarianten zu entdecken, die an dieser komplexen Erkrankung beteiligt sind.“

Quellen:

The Children’s Hospital of Philadelphia, 19.11.10

Wang et al. Molecular Psychiatry, Nov 2010

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Rubrik: Essstörungen, Kinder & Jugendliche
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