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Kann man Angst mit Hilfe des Bindungshormons Oxytocin besser bewältigen?

12. März 2015

Wir kennen sie alle, keiner will sie empfinden, und doch sichert sie unser Überleben: Die Angst. Es ist beim Nachdenken über dieses Thema wichtig, zu sehen, dass Angst erst einmal eine positive Funktion für die Menschheit – und Lebewesen im Allgemeinen – hat. Sie sichert das Überleben der Art. So sind manche Ängste evolutionär bedingt in uns leichter auslösbar (z.B. Angst vor Spinnen oder Schlangen), manche lernen wir durch direkte Lebenserfahrung und werden konditioniert (z.B. Angst auf eine heiße Kochplatte zu langen) und manche lernen wir durch andere am Modell (z.B. Mama hat Angst vor dem Fliegen, also muss es schlimm sein, also habe ich auch Angst davor). Sind Ängste erst einmal mit bestimmten Reizen verknüpft, ist es nicht so einfach, sie wieder davon zu lösen. Auch das ist normal und sinnvoll, wenn man daran denkt, dass es für das Überleben der Art wichtig ist, die Gefahren konsequent zu meiden und nicht nur zeitweise. In der heutigen technologisierten modernen Gesellschaft brauchen wir viele Ängste für das Überleben nicht mehr, das Angstsystem des Menschen ist aber immer noch genauso aufgebaut wie in der Urzeit der Menschheit. So kommt es dazu, dass Ängste auftreten, die nicht sinnvoll scheinen und eher die Lebendigkeit des Einzelnen hemmen. Forscher bemühen sich seit langem darum, effektive und vor allem beständige Methoden zu finden, wie man Ängste lösen kann. Im Folgenden ist ein Pressebericht übersetzt, der über eine Studie berichtet, die eine alte Methode mit einer neuen Idee kombiniert:

Beängstigende Erlebnisse vergessen wir nicht so schnell. Ein Wissenschaftler-Team der Universitätsklinik Bonn konnte kürzlich in einer Studie beweisen, dass das Bindungshormon Oxytocin das Angstzentrum im Gehirn inhibiert und dafür sorgt, dass angstauslösende Reize leichter verblassen. Diese Grundlagenforschung könnte eine neue Ära in der Behandlung von Angststörungen einläuten.

Bedeutsame Angst wird besonders gut erinnert. Wenn man z.B. einen Autounfall hatte, ist es hinterher schwierig, sich dem Straßenverkehr erneut zu stellen – sogar Reifenquietschen kann dann starke Angst auslösen. Wissenschaftler nennen das Konditionieren. Bestimmte Bilder oder Geräusche sind im Gehirn stark mit der Erfahrung von Schmerz oder Angst verknüpft. So muss man z.B. ganz langsam wieder lernen, dass ein Reifenquietschen nicht unbedingt Gefahr bedeutet. Diese aktive Methode, das Gedächtnis umzuschreiben, wird Extinktion genannt. „Bei diesem Prozess werden die wahren Erinnerungen allerdings nicht gelöscht, sondern es wird eine Art Schicht positiver Erfahrungen darüber gelegt“, erklärt Prof. Dr. Dr. René Hurlemann von der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Bonn. Bei erneuten gefährlichen Situationen kehrt die Angst, von der man meinte, sie sei bewältigt, regelmäßig wieder zurück.

Extinktion wird oft in der Behandlung von Angststörungen eingesetzt. Eine Person, die z.B. unter einer Spinnenphobie leidet, wird schrittweise und vermehrt mit Spinnen konfrontiert. Zuerst muss der Patient Fotos von Spinnen ansehen, dann lebendige Exemplare betrachten, bis er letztlich eine echte Tarantel in der Hand hält. Wenn Personen mit Angststörungen durch regelmäßige Konfrontation lernen, dass Sie den angstauslösenden Reiz nicht mehr fürchten müssen, wird die Angst im Allgemeinen reduziert. „Dies kann allerdings lange Zeit dauern, weil die Konfrontation mit den angstauslösenden Situationen häufig erfahren werden muss. Zusätzlich gibt es Rückfälle, weil die Originalgedächtnisspur der Angst noch im Gehirn gespeichert ist“, berichtet Prof. Hurlemann. Deswegen sucht man in der Therapieforschung nach einer Möglichkeit, angstbesetzte Gedächtnisspuren auf schnellere und anhaltendere Weise zu umzuschreiben.

Es ist lange bekannt, dass das Hormon Oxytocin nicht nur Einfluss auf die Bindung zwischen Mutter und Kind oder zwischen Sexpartnern hat, sondern auch einen angstlösenden Effekt. Die Wissenschaftler der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Bonn konnten nun in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Krebsstudien in Heidelberg und Wissenschaftlern der Universität von Chengdu (China) zeigen, dass es auch einen positiven Effekt auf das Umschreiben von angstauslösenden Erinnerungen hat. „Oxytocin verstärkt tatsächlich die Extinktion: Unter Einfluss von Oxytocin vermindert sich die Erwartung wiederkehrender Angst in einem größeren Ausmaß als ohne diesen Botenstoff“, schließt Studiendirektor Prof. Hurlemann, indem er seine Ergebnisse zusammenfasst.

Die Wissenschaftler führten eine Studie durch, bei der sie 62 männliche Probanden in folgendem Experiment untersuchten: sie riefen durch die Gabe von milden Elektroschocks bei Fotos von menschlichen Gesichtern (bei 70 % der Bilder gab es einen Schock) eine konditionierte Angstreaktion hervor. In der zweiten Experimentphase wollten sie diese Konditionierung auslöschen. Dazu zeigten sie die Bilder erneut – diesmal komplett ohne Elektroschocks. Der einen Hälfte der Probanden gaben die Forscher Oxytocin im Nasenspray, der Rest bekam ein Placebo. Es ergab sich, dass die Probanden mit Oxytocin eine kurzfristige Verstärkung der Angst erlebten, nach wenigen Minuten allerdings sich der angstlösende Effekt des Bindungshormons zeigte.

Die Forscher hoffen nun, dass Angstpatienten mit der Hilfe von Oxytocin schneller geholfen werden kann und ein Rückfall besser verhindert werden kann. Zusätzlich gehen sie davon aus, dass das Bindungshormon die Bindung zwischen Therapeut und Patient verstärkt und somit ebenfalls den Therapieerfolg begünstigt. „Dies muss allerdings erst durch weitere Studien gezeigt werden“, sagt der Bonner Wissenschaftler.

Übersetzungsquelle:

http://www.sciencedaily.com/releases/2014/11/141113110014.htm

Der Text basiert auf Materialien, die von der Universitätsklinik Bonn zur Verfügung gestellt werden.

Rubrik: Angst- & Panikstörung, Hirnforschung, Verhaltenstherapie


1 Kommentieren

  1. Toni Zoellner
    März 21st, 2015

    Es ist doch immer wieder sehr bemerkenswert wie gut die Forschung uns Menschen weiterbringt. Alleine das Wissen über die Wirkung der Hormone im Körper und Ihre Einwirkung auf die Psyche hat eine derartig große Auswirkung auf unsere Heilungsmöglichkeiten! Vielen Dank, dass Sie hier darüber informieren.

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