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Hilft es unseren Kindern, wenn wir ihnen sagen, dass sie besser als andere sind, oder schaden wir ihnen damit sogar?

7. April 2015

„Wer aber leicht werden will und ein Vogel, der muß sich selber lieben: – also lehre ich. Nicht freilich mit der Liebe der Siechen und Süchtigen: denn bei denen stinkt auch die Eigenliebe! Man muß sich selber lieben lernen – also lehre ich – mit einer heilen und gesunden Liebe: daß man es bei sich selber aushalte und nicht umherschweife (Nietzsche, Also sprach Zarathustra).“ Diese Eigenliebe, die man vielleicht mit gesundem Selbstbewusstsein übersetzen kann, das auf der Dimension zwischen Selbstunsicherheit und Narzissmus in der Mitte liegt, ist etwas, das wir nicht nur für uns selbst gerne erreichen wollen, sondern etwas, das wir unseren Kindern gerne mit auf ihren Lebensweg geben würden. Wie macht man es am besten? Im ersten Moment scheint es sinnvoll, Ihnen immer wieder zu sagen, dass man sie für besonders hält. Aber erziehen wir sie damit nicht zu Narzissten, die Begegnungen mit anderen auf Augenhöhe scheuen, um sich vor dem eigenen Minderwert zu schützen und sich in Größenideen über sich selbst flüchten? Dieser Frage gingen amerikanische und holländische Forscher nach, deren Ergebnisse im Folgenden Pressebericht zusammengefasst sind.

Wenn man es vermeiden will, die eigenen Kinder zu Narzissten zu erziehen, sollte man sie nicht überbewerten. Das ist die eingängige Botschaft einer neuen Studie von Wissenschaftlern der Ohio State University in Columbus und der University of Amsterdam in den Niederlanden, die in der Zeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht wurde.

Die Forscher wollten den Ursachen für Narzissmus genauer auf den Grund gehen. Sie behaupten, dass ihre Studie die erste ist, die sich prospektiv (d.h. zuerst werden von Theorien abgeleitet Hypothesen aufgestellt, die dann durch langjährige Untersuchungen be- oder widerlegt werden) damit auseinandersetzt, wie sich Narzissmus im Verlauf der Zeit entwickelt.
Das Forscherteam rekrutierte 565 Kinder und deren Eltern in den Niederlanden. Das Alter der Kinder lag zu Studienbeginn zwischen 7 und 11 Jahren. Im Verlauf der Studie füllten die Probanden standardisierte psychologische Fragebögen vier mal im Abstand von 6 Monaten aus. Darin wurden die Eltern dazu befragt wie sehr sie mit Aussagen wie „Mein Kind ist ein Vorbild für andere Kinder“ übereinstimmen.
Kinder und Eltern machten des weiteren Aussagen dazu wie viel emotionale Wärme die Eltern zeigen, indem sie das Ausmaß einschätzen sollten, wie sehr sie Einschätzungen wie „Ich lasse mein Kind wissen, dass ich es liebe“ oder „Mein Vater/Mutter lässt mich wissen, dass er/sie mich liebt“ zustimmen.
Die Forscher waren besonders daran interessiert, unter den Teilnehmern Narzissmus von Selbstbewusstsein zu unterscheiden. Deswegen wurden die Kinder zu beiden Kriterien befragt.
„Menschen mit hohem Selbstbewusstsein denken, dass sie genauso gut wie andere sind, Narzissten denken, dass sie besser als andere sind“, sagt Brad Bushman, Autor der Studie und Professor für Kommunikationswissenschaften und Psychologie an der Ohio State University.
In der Studie stimmten Kinder mit hohem Selbstbewusstsein Aussagen zu, die angaben, dass sie glücklich mit sich sind und sich mögen wie sie sind ohne dabei zu empfinden, dass sie besonders im Vergleich zu anderen sind.
Prof. Bushman und Kollegen fanden heraus, dass Kinder, die von ihren Eltern als „besonders im Bezug auf andere“ beschrieben wurden und „die etwas ganz besonderes im Leben verdienen“, im Follow-up (also im Verlauf der Zeit) höhere Testwerte auf der Narzissmus-Skala aufwiesen.
„Kinder glauben ihren Eltern, wenn diese ihnen sagen, dass sie besser als andere sind. Das ist wahrscheinlich weder für sie noch für die Gesellschaft wünschenswert“, sagt Prof. Bushman.

Hauptautor der Studie Eddie Brummelman, ein Postdoktorand der Universität von Amsterdam nimmt an, dass Eltern ihre Kinder überschätzen, um deren Selbstwert zu steigern. Aber leider „erhöhen Überbewertungsstrategien ungewollt eher das Ausmaß an Narzissmus der Kinder als ihren Selbstwert“.
Denn in der Studie war Überschätzung durch die Eltern nicht mit erhöhtem Selbstwert verbunden. Im Gegensatz dazu gab es im Verlauf der vier Studienjahre eine Korrelation zwischen Eltern, die mehr emotionale Wärme ausstrahlten, und Kindern mit höherem Selbstwert. Keinen Zusammenhang fand man zwischen elterlicher Wärme und Narzissmus.
„Überbewertung sagte Narzissmus-Werte voraus, nicht den Selbstwert, wohingegen Wärme Selbstwert, nicht Narzissmus vorhersagen ließ“, fasst Prof. Bushman zusammen.

Interessanterweise gesteht selbst Prof. Bushman, der Vater von drei Kindern ist, dass er nach den Ergebnissen seinen Erziehungsstil gewandelt hat:
„Als ich mit meiner Forschung in den 90er Jahren begann, dachte ich noch, dass ich meine Kinder so behandeln sollte als wären sie ganz besonders. Mittlerweile versuche ich besonders darauf zu achten, das nicht mehr zu tun. Es ist wichtig, ihnen emotionale Wärme zu vermitteln, um ihren Selbstwert zu stärken. Überbewertung jedoch kann zu einer höheren Ausprägung von Narzissmus führen.“

Die Forscher glauben, dass ihre Ergebnisse die Forderung nach Interventionen wie Elterntrainings unterstützen, die z.B. Eltern beibringen wie sie ihren Kindern Zuneigung entgegenbringen können ohne ihnen zu sagen, dass sie besser als andere sind. „Weitere Studien sollten dann testen, ob diese Trainings wirken“, schließt Brummelman.

Verfasst von: David McNamee

Übersetzungsquelle:
http://www.medicalnewstoday.com/articles/290687.php

Rubrik: Allgemeines, Kinder & Jugendliche, Mensch & Gruppe, Uncategorized


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