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Berührungen als Tor zur Welt?

3. April 2017

In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte vor allem ein Arzt in Kolumbien die sogenannte Känguru-Methode zur Behandlung von Frühgeborenen. Aus Mangel an technischer Ausrüstung und medizinischen Behandlungsmethoden an der neonatalen Intensivstation in Bogotá wurden die zu früh geborenen Säuglinge so häufig wie möglich im Kontakt mit der nackten Haut der Mutter oder ergänzend Angehörigen und Pflegepersonal in Berührung gebracht. Durch die Wärme, körperliche Nähe und Erleichterung beim Stillen, ließen sich Sterblichkeitsrate und Infektionsrisiko für diese Frühgeborenen verringern. Die Methode und Weiterentwicklungen fanden nach Veröffentlichung große Aufmerksamkeit und Verbreitung. Auch heute wird noch intensiv erforscht, wie sich verschiedene Berührungserfahrungen aus der allerersten Lebenszeit auswirken:

Neugeborene erfahren die Welt durch Berührung. Forscher beobachteten die Hirnaktivitäten von 125 Säuglingen einschließlich Frühgeborenen. Sie konnten zeigen, dass die frühsten Berührungserfahrungen bleibende Effekte darauf haben, wie ihre jungen Gehirne auf zärtliche Berührungen reagieren, wenn sie nach Hause kommen.

Diese Befunde, die in der Zeitschrift „Current Biology“ veröffentlicht wurden, sind ein weiterer Beleg für die Wichtigkeit zärtlicher Berührung für die normale sensorische Entwicklung eines Babys. Im Besonderen verbinden sich damit Forderungen für die 15 Millionen Kinder, die jedes Jahr zu früh zur Welt kommen, die oft längere Zeit auf der neonatalen Intensivstation verbringen müssen.

Es ist notwendig, dafür zu sorgen, dass Frühgeborene positive, unterstützende Berührungen wie Haut-an-Haut-Kontakt mit den Eltern erleben, um den jungen Gehirnen dabei zu helfen, auf zärtlichen Kontakt ähnlich den Säuglingen, die die gesamte Schwangerschaft im Bauch der Mutter zubringen konnten, antworten zu können. Wenn es den Eltern nicht möglich ist, das für das Kind auf der Intensivstation zu leisten, sollten Kliniken eigens dafür geschulte Therapeuten zur Verfügung zu stellen, um dem sich entwickelnden Menschen die lebens- und entwicklungsnotwendigen Berührungen zu ermöglichen.

Die Säuglinge der oben erwähnten Studie untersuchten 125 Säuglinge in zwei Gruppen: Frühgeborene zwischen 24 bis 36 Wochen seit der Zeugung und im regulären Zeitrahmen Geborene mit 38 bis 42 Wochen seit der Zeugung. Vor der Entlassung nach Hause wurden alle Säuglinge mit einem sanften EEG-Netz untersucht, um die Hirnaktivitäten auf einen Luftstoß im Vergleich zu einem künstlichen Lufthauch aufzuzeichnen.

Im Allgemeinen zeigten diese Messungen, dass Frühgeborene eher als nicht frühgeborene Säuglinge eine verminderte Hirnaktivität als Folge einer zärtlichen Berührung zeigten. Weitere Analysen zeigten, dass die Hirnaktivität auf Berührungen stärker war, wenn Säuglinge auf der neonatalen Intensivstation mehr Zeit in zarter Berührung mit den Eltern oder Pflegern verbrachten. Dagegen waren die Hirnaktivitäten auf Berührung umso geringer, je mehr schmerzhafte medizinische Prozeduren die Frühgeborenen ertragen mussten. Dies traf zu, obwohl den Säuglingen Schmerzmittel und Zucker gegeben wurde, um diese Prozeduren besser zu überstehen.

Die Forscher zeigten sich erstaunt darüber, dass Säuglinge mit schmerzhaften Erfahrungen früh im Leben eine definitiv größere Wahrscheinlichkeit zeigen, in ihrer Wahrnehmung zärtlicher Berührung beeinträchtigt zu werden. Erfreut zeigen sie sich darüber, dass die Hauptannahme, dass Säuglinge von positiven Berührungserfahren profitieren, sich in den Daten widerspiegelte.

Auf diesen neuen Ergebnissen basierend entwerfen die Forscher nun weitere Forschungsdesigns, um weitere Wege für neue Berührungserfahrungen in der neonatalen Intensivbehandlung zu untersuchen. Sie interessieren sich dafür, wie die Hirnaktivitäten auf Berührung mit denen auf die Stimme einer Person zusammenhängen.

Eltern von Neugeborenen und insbesondere von Säuglingen, die schwierige medizinische Prozeduren ertragen müssen, sei Mut gemacht: Berührungen der eigenen Eltern bewirkt mehr als man sich vorstellen kann!

 

Quelle:            https://www.sciencedaily.com/releases/2017/03/170316120502.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Känguru-Methode

 

 

 

Rubrik: Hirnforschung, Kinder & Jugendliche, Psychosomatik & Schmerzen


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