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Warum wecken Gerüche Kindheitserinnerungen?

18. November 2009

Warum wecken Gerüche Kindheitserinnerungen-1Wenn jemand sich an etwas stört, kann er wegschauen oder weghören, aber wegriechen – das gibt es nicht. Wir haben nicht die gleiche Willenskontrolle über den Geruchssinn wie über andere Sinne. Eine neue wissenschaftliche Studie zeigt nun warum: Die Wahrnehmung von Gerüchen funktioniert anders. Ich habe die Pressemitteilung der Forscher übersetzt:

Von den Madeleine-Küchlein in Prousts Novelle Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zu dem anmaßenden Restaurantkritiker im Film Ratatouille, den der Duft von geschmortem Gemüse in seine Kindheit zurück versetzt – Künstler wussten schon lange, dass manche Gerüche spontan die lebhaftesten Erinnerungen wachrufen können. Wissenschaftler am Weizmann Institute of Science in Israel haben jetzt die wissenschaftliche Basis für diesen Zusammenhang aufgezeigt. Ihre Forschungsergebnisse sind in der letzten Ausgabe von Current Biology veröffentlicht worden.

Yaara Yeshurun, eine Doktorandin, Prof. Noam Sobel und Prof. Yadin Dudai von der Abteilung Neurobiologie des Instituts dachten darüber nach, ob der Schlüssel vielleicht gar nicht unbedingt in der Kindheit selbst liegt, sondern im Zusammentreffen der allerersten Wahrnehmung eines Geruches mit der eines bestimmten Gegenstandes oder Ereignisses. Oder anders ausgedrückt, es könnte die anfängliche Assoziation eines Geruches mit einer Erfahrung sein, die im Gehirn irgendwie einen einzigartigen und bleibenden Eindruck hinterlässt.

Diese Idee testeten die Wissenschaftler mit dem folgenden Experiment: Zuerst schauten sich Testpersonen in einem eigens dafür ausgestatteten Geruchslabor Bilder von 60 Gegenständen an, von denen jedes zusammen mit einem gleichzeitig ausströmenden angenehmen oder unangenehmen Geruch gezeigt wurde, der von einer Maschine, einem sogenannten Olfaktometer erzeugt wurde. Danach wurde das Olfaktometer ausgeschaltet, die Testpersonen betrachteten die Bilder noch einmal und versuchten, sich an die dazu passenden Gerüche zu erinnern. Dabei machten die Forscher Bildaufnahmen von der Gehirnaktivität der Testpersonen mit einem sogenannten fMRT-Scanner, einem Gerät, mit dem sich die erhöhte Durchblutung aktiver Gehirnregionen sichtbar machen lässt.

Jetzt hatten die Forscher bei den Testpersonen eine erste Assoziation zwischen Bildern und Gerüchen hergestellt, und sie hatten Aufnahmen der zu jeder Assoziation gehörenden Gehirnaktivität. Nun untersuchten sie einen möglichen Unterschied zwischen der ersten und einer weiteren Assoziation und wiederholten dazu den ganzen Test – diesmal mit Bildern, Gerüchen und fMRT zusammen – mit den gleichen Bildern, aber jedes kombiniert mit einem anderen Geruch. Schließlich kamen die Testpersonen eine Woche später zu einem weiteren fMRT-Scan der Gehirnaktivität. Dabei betrachteten sie die Gegenstände ein letztes Mal und versuchten, sich an die damit assoziierten Gerüche zu erinnern.

Die Wissenschaftler stellten fest, dass nach einer Woche, auch wenn sich die Testperson gleich gut an beide Gerüche erinnern konnte, die erste Assoziation ein unverkennbares Muster der Gehirnaktivität zeigte. Dieser Effekt war immer zu sehen und unabhängig davon, ob der Geruch angenehm oder unangenehm war. Diese einzigartige „Repräsentation” (innere Abbildung der Außenwelt im Gehirn) zeigte sich in den Gehirnregionen des Hippocampus, der am Gedächtnis beteiligt ist, und der Amygdala, die am Gefühl beteiligt ist.

Das Muster der Gehirnaktivität was derart charakteristisch, dass die Wissenschaftler vorhersagen konnten, an welche Assoziation eine Testperson sich erinnern würde, indem sie einfach die Gehirnaktivität in diesen beiden Regionen nach der allerersten Wahrnehmung eines Geruches analysierten. Die Wissenschaftler konnten sogar schon beim Betrachten der fMRT-Aufnahmen am ersten Tag des Experiments voraussagen, zu welchen Assoziationen es eine Woche später kommen würde.

Um zu untersuchen, ob die Wahrnehmung anderer Reize diese Tendenz auch zeigt, wiederholten die Forscher das ganze Experiment mit Geräuschen anstelle von Gerüchen. Dabei stellten sie fest, dass Geräusche keineswegs ein ähnlich unverwechselbares „Urmuster“ der Gehirnaktivität hervorriefen wie Gerüche. In anderen Worten zeigen diese Ergebnisse eine Besonderheit des Geruchssinns. „Aus irgendeinem Grund brennt sich die erste Assoziation mit einem Geruch in das Gedächtnis ein“, sagt Prof. Sobel, „und weil es dieses Phänomen gibt, konnten wir voraussagen, welche Erinnerung eine Woche später wiederkommen würde, und das allein aufgrund der Gehirnaktivität.“

Yeshurun: „Soweit wir wissen, ist dieses Phänomen einzigartig für Gerüche. Geruchserinnerungen aus der Kindheit könnten nicht deshalb besonders sein, weil die Kindheit als solche etwas Besonderes ist, sondern einfach weil wir in diesem Lebensalter etwas zum ersten Mal mit einem Geruch assoziieren.“

Quellen:

Weizmann Institute of Science, 9. Nov 2009

Yeshurun et al. Current Biology, 9. Nov 2009

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Rubrik: Hirnforschung
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