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Warum vergessen manche Leute ein Gesicht nie?

22. Dezember 2011

Die 5 interessantesten Studien zu Beziehung und Partnerschaft sDie menschliche Wahrnehmung macht aus unvollständigen Dingen oft fast automatisch ein sinnvolles Ganzes, zum Beispiel Bilder aus Wolkenfetzen am Himmel. Eine neue Studie hat das Phänomen bei der Erkennung von Gesichtern untersucht, wo man sich vorstellen kann, wozu ein solcher Mechanismus gut ist. Wir haben die Presseerklärung des Herausgebers der Studie von Ende November übersetzt, die demnächst erscheinen wird:

„Gesichter zu erkennen ist eine wichtige soziale Fähigkeit, aber nicht alle Menschen können es gleich gut“, sagt Jia Liu, ein kognitiver Psychologe von der Pädagogischen Universität Peking. Aber woher kommen diese Unterschiede? Eine neue Untersuchung von Liu und seinen Kollegen Ruosi Wang, Jingguang Li, Huizhen Fang und Moqian Tian liefert den ersten experimentellen Beweis dafür, dass diese unterschiedlichen Fähigkeiten etwas mit der besonderen Art und Weise zu tun haben, wie das menschliche Gehirn Gesichter wahrnimmt. „Menschen, die Gesichter eher holistisch verarbeiten“ – das heißt als ein integriertes Ganzes – „können Gesichter besser erkennen“, sagt Liu.

Die Ergebnisse werden in einer der nächsten Ausgaben von Psychological Science erscheinen, einem Journal, das von der Association for Psychological Science herausgegeben wird.

Im täglichen Leben erkennen wir Gesichter sowohl holistisch als auch „analytisch”, das heißt wir greifen uns einzelne Elemente wie die Augen oder die Nase zur Erkennung heraus. Aber während das Gehirn alle möglichen Dinge – Autos, Häuser, Tiere – analytisch verarbeitet, „gilt die holistische Verarbeitung als ganz besonders wichtig für das Erkennen von Gesichtern“, sagt Liu.

Um die holistische Verarbeitung, das entscheidende Element bei der Erkennung von Gesichtern, für sich alleine untersuchen zu können, testeten die Forscher zuerst die Fähigkeit von Versuchspersonen (337 männliche und weibliche Studenten) sich an ganze Gesichter zu erinnern. Für diesen Test mussten sie bekannte Gesichter und Blumen aus unbekannten auswählen.

Mit den nächsten beiden Aufgaben testeten die Forscher, wie gut die Versuchspersonen zwei Dinge konnten, die typisch für die holistische Verarbeitung sind. Den sogenannten Composite-Face-Effekt (CFE) kann man beobachten, wenn zwei Gesichter horizontal in die Hälfte geschnitten und wieder zusammengesetzt werden. Man kann die obere Hälfte leichter identifizieren, wenn sie nicht richtig auf die untere passt, als wenn beide Hälften nahtlos aneinandergefügt sind. „Das liegt daran, dass unser Gehirn sie automatisch zu einem neuen“ – und unbekannten – „Gesicht zusammensetzt“, sagt Liu: ein Zeichen für holistische Verarbeitung.

Das zweite Kennzeichen holistischer Verarbeitung ist der sogenannte Whole-Part-Effekt (WPE). Dazu zeigt man der Versuchsperson ein Gesicht, in dem sie einen Teil wiedererkennen soll, sagen wir zum Beispiel die Nase. Leute können das besser, wenn sie die Nase in einem ganzen Gesicht sehen, als zwischen lauter anderen Nasen: Wieder erkennen wir die Nase, wie sie in einem ganzen Gesicht integriert ist. Schließlich maßen die Forscher noch die allgemeine Intelligenz der Versuchsteilnehmer.

Die Ergebnisse: Die Versuchspersonen mit höheren Werten bei den CFE- und WPE-Tests (das heißt die mit einer guten holistischen Verarbeitung) konnten auch in der ersten Testaufgabe die Gesichter besser erkennen. Es gab aber keinen Zusammenhang zwischen dem Erkennen von Gesichtern und der allgemeinen Intelligenz, bei der die verschiedensten geistigen Prozesse zusammenwirken – was darauf hindeutet, dass die Verarbeitung von Gesichtern einzigartig ist.

„Unsere Ergebnisse erklären zum Teil, warum manche Leute Gesichter niemals vergessen, während andere ihre Freunde und Verwandten öfter mal verwechseln“, sagt Liu. Deshalb sind diese Ergebnisse vielversprechend für die Entwicklung von Therapien für die zweite Kategorie von Menschen, die unter Erkrankungen wie Prosopagnosie (Gesichtsblindheit) und Autismus leiden können. Wenn wir wissen, dass das Gehirn Gesichter als Ganzes wahrnimmt und nicht als eine Sammlung von Einzelteilen, „können wir vielleicht die holistische Verarbeitung bei Menschen trainieren, damit sie Gesichter besser erkennen können“, sagt Liu.

Quelle:

Association for Psychological Science, 30. Nov 2011

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Rubrik: Mensch & Gruppe
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