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Lassen sich Panikattacken durch Atmung kontrollieren?

10. Januar 2011

Lassen sich Panikattacken durch Atmung kontrollierenBeim Biofeedback lernen Patienten, normalerweise unbewusste Körperreaktionen selbst zu beeinflussen. Eine aktuelle Untersuchung zeigt die Wirksamkeit des Verfahrens als Behandlung für Patienten mit Panikstörungen. Wir haben einen Presseartikel über die Studie von Physorg.com vom Dezember übersetzt, der das Biofeedback mit einer konventionellen Verhaltenstherapie vergleicht:

Menschen, die unter Panikstörungen leiden, können mithilfe eines neuen Behandlungsprogramms lernen Angstsymptome zu reduzieren, indem sie ihre Atmung normalisieren. Eine neue Studie zeigt, dass die Methode Symptome einer Panikattacke und Hyperventilation besser reduziert als eine traditionelle kognitive Verhaltenstherapie.

Wir nennen das biologische Verhaltenstherapie-Programm CART (Capnometry-Assisted Respiratory Training), sagt die Psychologin Alicia E. Meuret, eine Expertin für Panikstörungen an der Southern Methodist University in Dallas, Texas.

CART hilft Patienten zu lernen, wie sie ohne Hyperventilation atmen können. Hyperventilation ist ein sehr unangenehmer physiologischer Zustand, bei dem der CO2-Gehalt des Blutes unnormal tief absinkt, sagt Meuret, eine Autorin der Studie.

Dieser CO2-Mangel im Blut tritt auf, wenn ein Mensch übertrieben stark atmet (zu tief oder zu schnell), und ist ein häufiges Symptom bei Patienten mit Panikstörungen.

„Wir stellten fest, dass beim CART die therapeutische Veränderung des CO2-Gehalts die Paniksymptome verändert ? und nicht umgekehrt”, sagt Meuret.

CART: zweimal täglich Atemübungen

Während der Behandlung macht der Patient zweimal am Tag einfache Atemübungen. Ein tragbares Kapnometer (CO2-Messapparat) liefert bei den Übungen Feedback über den CO2-Gehalt in der Luft, die der Patient ausatmet. Ziel der Übungen ist eine Verminderung der chronischen und akuten Hyperventilation und der damit verbundenen körperlichen Symptome. Das wird durch eine langsamere, aber vor allem flachere Atmung erreicht. Denn im Gegensatz zur Meinung vieler Laien verschlimmern sich die Hyperventilation und die Symptome, wenn man tief durchatmet.

„Die meisten Patienten mit Panikstörungen sagen, dass sie furchtbare Angst vor körperlichen Symptomen wie Atemnot oder Schwindelgefühlen haben“, sagt Meuret. „In unserer Untersuchung hatte kognitive Therapie keinen Einfluss auf die Atmungsphysiologie, aber durch CART ließ sich die Hyperventilation effektiv reduzieren. Das zeigt, dass CART eine sehr wirksame Behandlung ist, die Panikgefühle reduziert, indem sie die Atmungsphysiologie normalisiert.“

Die Ergebnisse der Untersuchung wurden im Journal of Consulting and Clinical Psychology veröffentlicht. Meuret, die die CART-Methode entwickelte, ist eine Assistenzprofessorin in der Abteilung Psychologie an der Southern Methodist University und Ko-Direktorin des Forschungsprogramms der Abteilung über Stress, Ängste und chronische Erkrankungen. Die Studie wurde von der Beth & Russell Siegelman Foundation finanziert.

CART-Atmung: eine biologische Therapie mit nachgewiesener Wirkung

Die Studie testete CART im Vergleich mit einer konventionellen Behandlung durch kognitive Therapie (KT). In einer traditionellen KT lernen Patienten Techniken, die ihnen helfen sollen, katastrophale Gedanken zu verändern und abzustellen, um Ängste und Panik zu reduzieren.

Für die CART-KT-Studie wurden 41 Patienten mit Panikstörungen oder Agoraphobie nach dem Zufallsprinzip aufgeteilt und entweder mit CART oder KT behandelt. Agoraphobie (Platzangst) ist die Furcht, irgendwo gefangen zu sein, ohne Hoffnung auf ein Entkommen oder auf Hilfe.

Beide Behandlungsprogramme reduzierten die Symptome gleich effektiv, sagt Meuret. Aber nur die Behandlung mit CART veränderte die Paniksymptome physiologisch, indem sie den normalen CO2-Gehalt im Blut der Patienten aktiv wiederherstellte. Dagegen hatte die kognitive Therapie keinen Einfluss auf die Atmungsphysiologie, sagt Meuret.

Behandlung hilft Patienten gegen ihre Ängste aktiv zu werden

Die Studie ist die zweite randomisierte kontrollierte Untersuchung über die Wirksamkeit der CART-Methode. Weil sie der Hyperventilation entgegenwirken können, fühlen sich die Patienten nach der Therapie in der Lage, die Symptome einer Panikattacke selbst zu reduzieren, indem sie ihre Atmung verändern.

Bei der KT stellt der Therapeut infrage, ob die Erstickungsängste berechtigt sind, sagt Meuret. Wenn der Patient über Atemnot klagt, fragt ihn der Therapeut, wie oft er während einer Panikattacke schon tatsächlich erstickt ist, und hofft, den Patienten so zum Umdenken zu bewegen.

„Ich fand dieses Vorgehen bei manchen meiner Patienten sehr schwierig, weil man die Existenz des Symptoms anerkennt aber behauptet, es sei kein Problem“, meint Meuret.

„Dagegen sagt uns CART, dass das CO2 eines Patienten sehr niedrig ist und viele der Symptome verursacht, vor denen er Angst hat. Aber es kann auch zeigen, wie sich diese Symptome durch richtiges Atmen verändern lassen. Bis jetzt nahm man an, dass sich die Physiologie eines Menschen normalisiert, wenn er sich weniger Sorgen um seine Symptome macht. Aber wie diese Studie zeigt, ist das keineswegs der Fall“, sagt sie. „Die Hyperventilation verändert sich nicht, was zu einem Risikofaktor für einen späteren Rückfall werden könnte. Abgesehen davon, dass Hyperventilation die Symptome mit verursacht, ist sie ein krankhafter biologischer Zustand, der mit einer schlechten Prognose assoziiert ist.“

Größere Studie über CART geplant

Die Forscher wollen nun ihre Studien über CART ausweiten und das Programm in der alltäglichen Krankenversorgung testen, besonders bei ethnischen Minderheiten. Sie glauben, dass CART durch sein körperliches Training eine Behandlung ist, die für die Allgemeinheit besser verständlich ist – im Gegensatz zu den eher intellektuellen Methoden der kognitiven Therapie – und daher für sehr viel mehr Menschen mit unterschiedlichem Bildungsniveau und kulturellem Hintergrund geeignet ist. Derzeit führen sie Studien durch, die die Wirksamkeit von CART bei Patienten mit Asthma und Ängsten vor Blut testen.

Quellen:

Physorg.com, 17.12.10

Meuret et al. Journal of Consulting and Clinical Psychology, Okt 2010

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Rubrik: Angst- & Panikstörung, Psychosomatik & Schmerzen, Verhaltenstherapie
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