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Je mehr Sex, desto besser die Beziehung?

15. Juni 2016

Was macht eine zufriedene Beziehung aus? Die Beantwortung dieser Frage beschäftigt wohl viele Menschen, sie ist aber gar nicht so leicht zu beantworten. Der Mensch ist als Individuum schon komplex, umso schwieriger verhält es sich, wenn man zwischenmenschliche Beziehungen ergründen will. Da aber das Bedürfnis nach Wissen und Aufklärung groß ist, setzen sich auch Wissenschaftler mit diesem Thema auseinander und kommen je nach Blickwinkel auf überraschende Ergebnisse.

Frischvermählte Paare, die viel Sex haben, berichten nicht mehr oder weniger zufrieden in ihrer Beziehung zu sein als Paare, die seltener Sex haben. Aber ihre automatischen Antworten auf der Verhaltensebene erzählt eine andere Geschichte. Das beschreibt ein wissenschaftlicher Artikel in der Zeitschrift Psychological Science, eine Zeitschrift der Vereinigung für Psychologische Forschung (Association of Psychological Science).

In den dort erwähnten Studien wurde herausgefunden, dass die Häufigkeit sexueller Vereinigung keinen Einfluss darauf hat, ob die Partner berichten, dass sie glücklich in ihrer Beziehung sind. Aber die sexuelle Häufigkeit beeinflusst ihre spontaneren, automatischen, aus-dem-Bauch-heraus Gefühle für den Partner.

Das ist bedeutsam im Licht anderer Forschungsergebnisse, die zeigen, dass diese automatischen Einstellungen letztlich vorhersagen, ob Paare unzufrieden in ihrer Beziehung werden. Aus einem evolutionsbiologischen Standpunkt bringt häufiger Sex verschiedene Vorteile, da er die Wahrscheinlichkeit einer Empfängnis erhöht und hilft, die Partner in der Beziehung zusammenzuschweißen, was wiederum das Aufziehen eines Kindes begünstigt. Doch wenn Forscher explizit Paare in Bezug auf ihre Beziehungszufriedenheit befragen, finden sie normalerweise keinen Zusammenhang zwischen Zufriedenheit und der Häufigkeit sexueller Vereinigung. Die Forscher glauben, dass diese Inkonsistenzen daherkommen, dass beim Tabuthema Sex bewusstes Nachdenken und verzerrte Glaubenssätze manchmal einen großen Einfluss haben.

Da unsere aus-dem-Bauch heraus getroffenen, automatischen Einstellungen kein bewusstes Nachdenken erfordern, stellen die Wissenschaftler die Hypothese auf, dass sie in den Bereich der impliziten Wahrnehmungen und Assoziationen fallen können, derer wir uns eben nicht bewusst sind. Deswegen stellten sie erneut die Frage, indem sie die Beziehungszufriedenheit beider Partner mit Hilfe der üblichen Selbstbefragungsmaße und zusätzlich automatischen Verhaltensmaßen erfassten.

In der ersten Studie beantworteten 216 Frischverheiratete Fragebögen zur Beziehungszufriedenheit. Die Teilnehmer beurteilten verschiedene Eigenschaften ihrer Ehe (z.B. gut-schlecht, zufrieden-unzufrieden, angenehm-unangenehm), das Ausmaß, in dem sie mit verschiedenen Aussagen übereinstimmen (z.B. „Wir haben eine gute Ehe“), und ihre allgemeinen Gefühle der Zufriedenheit mit ihrem Partner, der Beziehung mit dem Partner und ihrer Ehe.

Dann erledigten sie folgende PC-basierte Klassifikationsaufgabe: Ein Wort erschien auf dem Bildschirm und sie sollten eine bestimmte Taste drücken, um anzuzeigen, ob das Wort positiv oder negativ war. Vor der Anzeige des Wortes erschien ein Foto ihres/r Partners/in für 300 ms auf dem Schirm.

Die Idee hinter diesen impliziten Maßen ist die, dass die Antwortzeiten der Teilnehmer anzeigen, wie stark zwei Gegenstände (auch Fotos, Worte, Inhalte) automatisch verbunden sind. Je schneller die Antwortzeit, desto stärker ist in diesem Experiment die Assoziation zwischen dem Partner und dem Wort, das hinterher auftaucht. Wenn man langsamer auf negative Wörter reagiert als auf positive Wörter, die dem Bild des Partners folgten, würde in dieser Theorie andeuten, dass im allgemeinen implizite positive Einstellungen gegenüber dem Partner existieren. Ebenso wurden die Partner einzeln danach befragt wie häufig Sie sexuellen Verkehr in den letzten vier Monaten hatten.

Wie in vorherigen Studien, wurde auch in dieser kein Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des sexuellen Verkehrs und der eingeschätzten Beziehungszufriedenheit gefunden. Die Ergebnisse der automatischen Verhaltensantworten aber zeigten ein anderes Muster: Die Bestimmung der Häufigkeit des sexuellen Verkehrs korrelierten mit den automatischen Einstellungen zu ihrem Partner. In dem Fall kam heraus, dass je häufiger die Paare Sex hatten, desto stärker war der jeweilige Partner mit positiven automatischen Einstellungen verbunden.

Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass dies für beide Geschlechter gleichermaßen zutraf. Eine Längsschnittstudie, die 112 Frischverheiratete untersuchte, legte tatsächlich nahe, dass die Häufigkeit des sexuellen Verkehrs mit Veränderungen der automatischen Beziehungseinstellungen über längere Zeit hinweg zusammenhing.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Messung bewusster Aussagen und automatischer Reaktionen eines Partners oder einer Beziehung verschiedene Arten der Messung darstellen. Tief im Inneren fühlen sich manche Menschen unglücklich mit ihrem Partner, geben es uns oder sogar sich selbst aber nicht zu. Die Forscher weisen darauf hin, dass die Erinnerung über die Häufigkeit des sexuellen Verkehrs in der Eigenaussage nicht unbedingt das genaueste Maß für die tatsächliche Häufigkeit darstellt. Außerdem bleibt es offen, ob diese Ergebnisse sich bei allen Paaren, oder nur den Frischverheirateten Paaren ergeben.

Zusammengenommen weisen die Ergebnisse darauf hin, dass die explizite Aussage darüber, wie jemand sich fühlt, nicht die einzige Art ist, zu erfassen wie jemand sich fühlt. Die Studie zeigt, dass einige unserer Erfahrungen, die positiv oder negativ sein können, unsere Beziehung beeinflussen, ob wir es wissen oder nicht.

Anmerkungen der Übersetzerin:

Es gibt noch eine weitere Lesweise der Ergebnisse, die vielleicht wichtig zu erwähnen ist. Die Reize, die den Partner repräsentieren, sind in dieser Studie visuell, sprich ein Foto des Partners. Es kann sein, dass für Partner, die häufig Sex haben, das Äußere/Physische eine größere Rolle spielt als für Partner, die nicht so häufig Sex haben, und dementsprechend automatisch schneller auf ein Abbild des Partners reagieren. Interessant wäre es, ob die Ergebnisse sich wiederholten, würde man anstelle eines visuellen Reizes den Namen des Partners vor dem Wort aufblenden. Vielleicht würden sich die Reaktionszeiten dann wieder annähern. Damit wäre das, was die Zufriedenheit in einer Partnerschaft ausmacht einfach unterschiedlich und die bewusste Antwort nach der Zufriedenheit doch vereinbar mit den Ergebnissen. Diese Sichtweise würde die Komplexität menschlicher Beziehungen eher widerspiegeln als die Auslegung der Ergebnisse, dass häufiger Sex im Allgemeinen und bei allen Paaren zu einer Verbesserung der Beziehungsqualität führt. Sondern man könnte folgern, dass man durch die Daten eher dem auf die Spur gekommen ist, was bei manchen Paaren die Zufriedenheit in der Beziehung ausmacht.

Jedenfalls entfachen diese Forschungsergebnisse eine wichtige und interessante Diskussion darum, was in Beziehungen zu Zufriedenheit führt und wie man es messen kann. Außerdem laden sie dazu ein, den Mut zu haben, mit dem eigenen Partner auch über die eher tabuisierten zu sprechen und offen zueinander zu sein.

Quelle:

http://www.medicalnewstoday.com/releases/309549.php

Rubrik: Partnerschaft & Paartherapie


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