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Ist Verhaltenstherapie bei ADHS im Erwachsenenalter wirksam?

17. Oktober 2010

Viele denken bei ADHS an eine Entwicklungsstörung von Kindern und Jugendlichen. Aber bei etwa der Hälfte der Patienten bleiben Symptome auch im Erwachsenenalter bestehen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Verhaltenstherapie diesen Patienten hilft, besser mit ihrer Erkrankung leben zu können. Wir haben die Presseerklärung der Forscher zur ihrer Studie von Ende August übersetzt, die den Nutzen einer Verhaltenstherapie für Erwachsene mit ADHS systematisch untersucht hat:

Eine Studie an Erwachsenen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zeigt, dass Patienten ihre Symptome erheblich besser kontrollieren können, wenn sie zusätzlich zu ihrer medikamentösen Behandlung eine kognitive Verhaltenstherapie machen. Bei dieser Therapiemethode lernen Patienten, besser mit den Anforderungen ihres Lebens zurechtzukommen und negative Gedankenmuster zu korrigieren. Die Studie von Forschern des Massachusetts General Hospitals (MGH) in den USA erscheint am 25. August im Journal of the American Medical Association (JAMA).

„Medikamente können die Symptome von ADHS sehr effektiv ,leiser schalten’, aber sie vermitteln Menschen keine praktischen Fähigkeiten”, erklärt der Leiter der Studie Dr. Steven Safren, Direktor der Verhaltensmedizin in der Abteilung Psychiatrie des MGH. „Diese Studie zeigt, dass eine Methode, die auf das Erlernen praktischer Fähigkeiten abzielt, Patienten helfen kann, Probleme mit ihrer Aufmerksamkeit zu bewältigen und mit dieser erheblichen und behindernden Störung besser umzugehen.”

Mehr als vier Prozent der Erwachsenen in den USA haben ADHS. Obwohl Stimulanzien und andere Psychopharmaka die wichtigste anfängliche Behandlung sind, betonen die Autoren der Studie, leiden viele Patienten, die diese Medikamente nehmen und auf sie ansprechen, weiter unter noch verbleibenden Symptomen. Ein paar Studien haben eine psychosoziale Behandlung für ADHS untersucht, und obwohl manche einen klinischen Nutzen der kognitiven Verhaltentherapie gezeigt haben, war der Effekt gering und nur vorübergehend. Die Autoren meinen, ihre Studie sei die erste große randomisierte und kontrollierte Untersuchung über die Wirksamkeit einer nicht-medikamentösen Behandlung für ADHS bei Erwachsenen, die individuell auf Patienten zugeschnitten ist.

An der Studie konnten Erwachsene mit einer Diagnose von ADHS teilnehmen, die ADHS-Medikamente einnahmen und zwar verbesserte aber immer noch deutliche Symptome hatten. Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt und hatten zwölf wöchentliche individuelle Therapiesitzungen mit einem Psychologen. Die Patienten der Kontrollgruppe wurden in Techniken zur Muskelentspannung und anderen Entspannungstechniken geschult, und wie man sie einsetzen kann, um ADHS-Symptome zu verbessern. Außerdem hatten sie eine unterstützende Psychotherapie. In den Sitzungen mit kognitiver Verhaltenstherapie wurden Patienten praktische Fähigkeiten vermittelt. Dazu gehörten Organisation und Planung, wie man Prioritäten setzt, Probleme löst und mit Ablenkungen umgehen kann. Außerdem lernten sie, besser angepasste Gedankenreaktionen auf belastende Situationen zu entwickeln.

„Die Sitzungen waren speziell auf die Bedürfnisse von ADHS-Patienten zugeschnitten. Dazu gehörten Dinge wie sich einen Terminkalender anschaffen und benutzen, systematische Listen mit Aufgaben anlegen, umfangreiche Aufgaben in überschaubare Schritte unterteilen und Aufgaben so gestalten, dass man sie innerhalb seiner persönlichen Aufmerksamkeitsspanne erledigen kann“, sagt Safren. „Die Behandlung ist halb wie an einem Kurs teilnehmen und halb wie eine traditionelle Psychotherapie.”

Die Symptome wurden am Ende der zwölfwöchigen Behandlungsdauer ausgewertet. Die Ergebnisse zeigten, dass die Teilnehmer nach der kognitiven Verhaltenstherapie ihre Symptome erheblich besser kontrollieren konnten als nach dem Entspannungstraining. Dieser größere Nutzen war auch drei und neun Monate später noch sichtbar. Die ADHS-Symptome wurden auf einer Standardskala gemessen und waren bei mehr als zwei Drittel der Teilnehmer an der kognitiven Verhaltenstherapie um dreißig Prozent verbessert. Dagegen waren die Symptome nach dem Entspannungstraining nur bei einem Drittel der Patienten verbessert.

„Wir wissen, dass ADHS-Medikamente bei den Patienten effektiv sind, die sie nehmen können, und ohne Medikamente wäre es schwieriger, die Fähigkeiten zu erlernen, die in dieser Studie vermittelt wurden”, sagt Safren. „Aber wir haben gezeigt, dass sich die Symptome noch weiter verbessern lassen, wenn Patienten praktische Fähigkeiten zum Selbstmanagement erlernen. Nun müssen wir herausfinden, wie man Kliniker am besten in dieser Methode schult, den optimalen Zeitpunkt für den Beginn der Behandlung, und wir müssen andere Möglichkeiten testen, um Patienten zu helfen, bei denen die Methode nicht wirkt.“

Safren ist ein Associate Professor für Psychologie in der Abteilung Psychiatrie der Harvard Medical School.

Quellen:

Massachusetts General Hospital, 24.8.10

Safren et al. JAMA, Aug 2010

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Rubrik: ADHS, Verhaltenstherapie
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