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Haben Egoisten zu viel Testosteron?

21. Februar 2012

Ist Beliebtheit genetisch sBei der Wirkung von Testosteron würden wohl die meisten zuerst an Aggressionen denken oder an Potenz. Tatsächlich hat das Hormon eine Vielzahl von Wirkungen, auch bei Frauen, was die wissenschaftliche Untersuchung erschwert. Eine neue Studie hat den Einfluss von Testosteron auf die Kooperativität von Menschen untersucht. Wir haben die Presseerklärung zu der Studie von Anfang Februar übersetzt, die vom Wellcome Trust finanziert wurde:

Menschen mit einem erhöhten Testosteronspiegel neigen dazu ihre eigene Meinung überzubewerten und weniger mit anderen zu kooperieren. Das zeigt eine Untersuchung des Wellcome Trust Centres for Neuroimaging am University College London (UCL). Die Ergebnisse könnten helfen zu erklären, wie Gruppenentscheidungen von dominanten Menschen beeinflusst werden.

Probleme als Gruppe zu lösen kann Vorteile gegenüber individuellen Entscheidungen bieten, weil wir Informationen und Kenntnisse mit anderen austauschen können. Aber es besteht eine Spannung zwischen Kooperation und selbstbezogenem Verhalten: obwohl Gruppen von einer kollektiven Intelligenz profitieren können, führt eine zu enge Kooperation leicht zu unkritischem Gruppendenken und am Ende zu Entscheidungen, die für alle Beteiligten schlecht sind.

Versuche die biologischen Mechanismen zu verstehen, die dem Fällen von Entscheidungen in Gruppen zugrunde liegen, haben sich eher auf Faktoren konzentriert, die eine Kooperation fördern. Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen kooperativer werden, wenn man ihnen eine Extradosis des Hormons Oxytocin gibt. In einer Studie, die heute in dem Journal Proceedings of the Royal Society B erscheint, haben Forscher nun gezeigt, dass Testosteron den entgegengesetzten Effekt hat. In anderen Worten macht es Leute weniger kooperativ und mehr egozentrisch.

Dr. Nick Wright und seine Kollegen vom Wellcome Trust Centre for Neuroimaging am UCL führten eine Reihe von Tests an siebzehn Paaren von Frauen durch, die sich freiwillig für die Studie gemeldet hatten und einander vorher nicht kannten. Die Tests fanden an zwei Tagen statt mit einer Woche dazwischen. An einem der Tage wurde beiden Freiwilligen eines Paares zusätzliches Testosteron gegeben. An dem anderen Tag bekamen sie ein Placebo. [Anm.: Männer nahmen an der Studie nicht teil, weil die von Natur aus hohen Testosteronspiegel bei Männern die Auswertung der Daten erschwert hätte.]

Während des Experiments saßen beide Frauen im gleichen Raum, jede vor ihrem eigenen Computerbildschirm. Beide Testpersonen sahen exakt das Gleiche. Zuerst wurden ihnen bei jedem Versuch zwei Bilder gezeigt, von denen eines ein kontrastreiches Muster enthielt. Dann sollten sie jede für sich entscheiden, welches Bild das Muster enthielt. Wenn sie beide die gleiche Wahl getroffen hatten, wurde ihnen das mitgeteilt und sie machten mit dem nächsten Bild weiter. Aber wenn sie eine unterschiedliche Wahl getroffen hatten, sollten sie zusammenzuarbeiten, sich mit ihrer Partnerin besprechen und eine gemeinsame Entscheidung treffen. Eine der Testpersonen gab dann die gemeinsame Entscheidung auf ihrem Computer ein.

Die Forscher stellten fest, dass Kooperation (wie erwartet) den Gruppen zu sehr viel besseren Ergebnissen verhalf als Individuen allein, wenn sie nur das Placebo bekommen hatten. Aber bei Gabe von zusätzlichem Testosteron war der Vorteil durch Kooperation deutlich geringer. Denn wenn sie einen höheren Testosteronspiegel hatten, verhielten sich die Testpersonen egozentrisch und entschieden sich lieber für ihre eigene Wahl als die ihrer Partnerin.

„Wenn wir Entscheidungen in Gruppen fällen, machen wir eine Gradwanderung zwischen Kooperation und unseren Eigeninteressen: zu viel Kooperation und wir bekommen vielleicht nie unseren Willen. Wenn wir aber zu selbstbezogen sind, ignorieren wir wahrscheinlich die Leute mit dem echten Durchblick“, erklärt Dr. Wright.

„Unser Verhalten scheint durch unsere Hormone beeinflusst zu werden – wir wissen schon, dass uns Oxytocin kooperativer machen kann. Aber wenn dies das einzige Hormon wäre, das einen Einfluss auf das Fällen von Entscheidungen in der Gruppe hat, würde das unsere Entscheidungen sehr verzerren. Wir haben gezeigt, dass auch Testosteron unsere Entscheidungen beeinflusst, indem es uns egoistischer macht. In den meisten Fällen ermöglicht uns das die beste Lösung für ein Problem zu suchen. Manchmal kann uns aber zu viel Testosteron blind für die Sicht anderer machen. Das kann sehr wichtig werden, wenn wir über einen dominanten Menschen reden, der versucht seine oder ihre Meinung durchzusetzen, sagen wir in einer Jury.“

Testosteron ist mit einer Vielzahl von sozialen Verhaltensweisen in Verbindung gebracht worden. Bei Schimpansen zum Beispiel steigen Testosteronspiegel vor einer Konfrontation oder einem Kampf. Bei weiblichen Häftlingen haben Studien gezeigt, dass höhere Testosteronspiegel mit verstärktem antisozialen Verhalten und Aggressionen einhergehen. Nach Ansicht von Forschern spiegeln solche Ergebnisse eine allgemeine Rolle von Testosteron wider, die das Bestreben von Menschen verstärkt andere zu dominieren und sich egozentrisch zu verhalten.

Das Gehirn zu verstehen ist eines der strategischen Ziele des Wellcome Trusts, der die Studie finanzierte. Dr. John Williams, Leiter des Bereichs Neurowissenschaften und psychische Gesundheit beim Wellcome Trust, meint zu den Ergebnissen: „Die Kooperation mit anderen hat offensichtliche Vorteile, weil sie Fähigkeiten und Erfahrungen gemeinsam nutzt. Wir wissen aber, dass sie nicht immer funktioniert, besonders wenn der Entscheidungsprozess von einem Alpha-Männchen oder Alpha-Weibchen dominiert wird. Dieses Ergebnis hilft uns auf Ebene der Hormone zu verstehen, welche Faktoren unsere Bemühungen stören können miteinander zu kooperieren.“

Quellen:

Wellcome Trust, 1 Feb 2012

Wright et al. Proceedings of the Royal Society B, Feb 2012

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Rubrik: Mensch & Gruppe
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  1. Macht zuviel Testosteron egoistisch? » Therapeuten Katalog, das ganzheitliche Gesundheitsportal.
    Februar 23rd, 2012

    [...] [...]

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