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Die Macht der Wiedergutmachung

23. Januar 2015

„Ein Wort macht alles ungeschehn. Ich warte darauf. O laßt mich’s nicht zu lang erharren!“ Dieses Zitat Schillers zeigt eindrücklich, welche Sehnsucht ein verletzter Mensch danach hat, dass er um Verzeihung gebeten und damit ein Stück weit von der Verletzung befreit wird. Aber was macht eigentlich eine gute Entschuldigung aus? Und warum wirkt es, wenn andere uns um Verzeihung bitten? In einer aktuellen Studie gingen amerikanische Forscher diesen Fragen nach und fanden heraus, dass es wirksam ist, wenn der Verletzende durch versöhnliche Gesten Verantwortung übernimmt und damit der Beziehung Wert zuerkennt und dem Verletzten Hoffnung gibt, dass so eine Verletzung sich nicht wiederholt. Dass das Erlebnis von Vergebung eine tiefgreifende und berührende menschliche Erfahrung sein kann, beschreibt Jean Paul treffend in folgendem Ausspruch:„Der Mensch ist nie so schön, als wenn er um Verzeihung bittet oder selbst verzeiht“! Es folgt eine Übersetzung des Presseberichts zur oben genannten Studie.

Eine aktuelle Studie deckt auf, dass uns versöhnliche Gesten dabei helfen, zu vergeben. Die Ergebnisse zeigen, dass friedensstiftende Bemühungen wie z.B. Entschuldigungen, Schadensersatzangebote und Verantwortungsübernahme Vergebung erleichtern und Ärger reduzieren, indem sie den Verletzenden als Beziehungspartner wertvoller erscheinen lassen und das Opfer sich weniger bedroht durch erneute Aggression von dem Angreifer fühlt.

Es ist bekannt, dass ein Opfer eher dazu geneigt ist, zu vergeben und vergessen, wenn eine Person versucht, Wiedergutmachung für einen Fehlverhalten zu leisten. Die Gründe dafür sind weniger offensichtlich und noch unzureichend verstanden. In einer aktuellen Studie machten Forscher bedeutende Fortschritte dabei, die psychologischen Prozesse hinter der Vergebung zu erklären.

Michael McCullough, der Psychologieprofessor an der Universität von Miami am College of Arts and Sciences und Studienleiter der Studie ist, sagt folgendes: „Alles, wozu Menschen motiviert sind zu tun, wenn sie einer wichtigen Person weh getan haben, hat sich für die Opfer als effektiv herausgestellt beim Bewältigen ihrer Verletzung und ihres Ärgers. Man geht oft davon aus, dass die Evolution den heutigen Menschen gemein, gewalttätig und egoistisch hervorgebracht hat, aber Menschen brauchen Beziehungspartner. Die natürliche Selektion gab uns also auch Werkzeuge mit, die dabei helfen, wichtige Beziehungen wiederherzustellen, wenn sie durch einen Konflikt beschädigt wurden.“

Im Laufe der Studie wurden 356 junge Männer und Frauen mit Hilfe von Fragebögen und 8-minütigen Interviews untersucht. Sie wurden zu Verletzungen und ihren Gefühlen gegenüber den Personen, die sie verursacht haben, genau befragt. Die Probanden mussten auch innerhalb von vier Minuten eine kurze Rede in der ersten Person über die Verletzungen und ihre Täter vorbereiten; diese Rede hielten sie dann vor einer Videokamera als ob die Kamera der Täter sei. Zuletzt füllten die Teilnehmer eine 21-tägige online Befragung aus, um den Grad ihrer Vergebung zu messen. Um ihre Gefühle gegenüber den Tätern zu beschreiben, wählten sie aus einer Liste Aussagen wie die folgenden: „Ich halte so viel wie möglich Abstand zwischen uns.“, „Ich versuche mich zu rächen.“, „Er/Sie will, dass unser Konflikt beendet ist.“ und „Er/Sie hat nicht vor, mir noch einmal ein Unrecht zu tun.“.

„Es ist eine der größten, längsten und unseres Wissens auch aussagekräftigsten Studien zum Effekt von versöhnlichen Gesten auf die zwischenmenschliche Konfliktlösung, die je durchgeführt wurde“, sagte McCullough. Die Ergebnisse zeigen, dass das Ausmaß, in dem ein Täter seinem Opfer versöhnliche Gesten entgegenbringt, direkt proportional zum Ausmaß wächst, in dem die Opfer im Verlauf der Zeit vergeben konnten. Diese versöhnlichen Gesten scheinen auch die Einstellung des Opfers zur Beziehung zum Täter und zum Täter selbst zu beeinflussen.

Die Ergebnisse legen folgenden grundlegenden Schluss nahe: Menschen haben psychologische Werkzeuge, um Konflikte zu lösen, die denen von in Gruppen lebenden Tieren stark ähneln. Diese Werkzeuge dienen dazu, wertvolle Beziehungen wiederherzustellen.„Viele in Gruppen lebenden Wirbeltiere, besonders die Säugetiere, scheinen versöhnliche Gesten nach aggressiven Konflikten als Signal zu nutzen, weil sie den Konflikt beenden und kooperative Beziehungen mit anderen führen wollen“, sagte McCullough. „Wir Menschen scheinen psychologisch ähnlich zu funktionieren.“

Die Studie „Versöhnliche Gesten fördern Vergebung beim Menschen und reduzieren Ärger“ wurde in der Zeitschrift Veröffentlichungen der Nationalen Akademie der Wissenschaften publiziert.

Der nächste Schritt für die Forscher wird sein, experimentelle Untersuchungen durchzuführen. Wenn also die versöhnlichen Gesten wirklich ein höheres Maß an Vergebung und einen größeren Beziehungswert (oder auch weniger Ärger und geringeres Risiko zur erneuten Verletzung) verursachen (Kausalbeziehung), dann sollte es möglich sein zu zeigen, dass Probanden im Labor mit Hilfe von Entschuldigungen, Schadensersatzangeboten und weiteren versöhnlichen Gesten eher dazu geneigt sind, zu vergeben. Die Forscher wollen also diese Zusammenhänge künstlich im Experiment nachstellen. Außerdem sind die Wissenschaftler daran interessiert, ob es möglich ist, eine „Kultur der Vergebung“ hervorzubringen, indem sie experimentell in anonymen Gruppen, in denen sich alle fremd sind, den Wert der Beziehungen an sich fördern und die Risiken, die in der Interaktion liegen, durch das experimentelle Setting gering halten.

 

Übersetzungsquelle:

http://www.sciencedaily.com/releases/2014/07/140714213640.htm

Der Text basiert auf Materialien, die von der University of Miami zur Verfügung gestellt werden. Der Originalartikel wurde von Marie Guma-Diaz und Annette Gallagher verfasst.

Rubrik: Allgemeines, Mensch & Gruppe


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